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Masematte vs. Manisch – zwei Städte, zwei Wege | Die Kolumne von Marion Lohoff-Börger 

Porträt von Marion Lohoff-Börger
von Marion Lohoff-Börger

Guten Tag,

das Gras auf der anderen Seite des Gartenzauns erscheint oft viel grüner als das auf der eigenen Seite. Falls Sie zu den Menschen gehören, die gerne einmal über den eigenen Stadtrand hinausschauen, um zu sehen, wie es die anderen machen, empfehle ich Ihnen heute, sich die Zeit zu nehmen und meine Ausführungen zum Manischen in Gießen zu lesen.

Das Manische in Gießen? Das ist das, was die Masematte in Münster ist. Ein Soziolekt von Zugewanderten, ehemals nichtsesshaften Menschen, die ghettoisiert wurden und zum Zwecke der Wahrung von Würde und Identität eine eigene Sprache entwickelten.

Gießen ist wie Münster eine Universitätsstadt. Sie ist kleiner, aber dafür ist die Uni sehr viel älter, sie wurde 1608 gegründet. Gießen liegt im nördlichen Hessen, nicht weit von der Grenze zu NRW.

In Gießen wie in Münster sind die Bezeichnungen für die Sondersprachen bürgerliche Fremdbezeichnungen. Masematte bedeutet auf Hebräisch „die Handeltreibenden“, das Wort „Manisch“ leitet sich aus dem Romani ab und heißt „der Mensch“, der oder die „Roma“. Beide Sprachen wurden und werden bis heute unbewusst genutzt und nie verschriftlicht.

Im Gegensatz zur Masematte hat das Manische aber einen viel höheren Anteil an Vokabular aus dem Romani. Es sind 70 Prozent der Wörter, die aus diesem Wortschatz stammen. In Münster beträgt der Anteil nur 20 Prozent.

Das liegt daran, dass die Menschen, die in Gießen sesshaft wurden, Jenische und Roma waren. Jenische sind Angehörige der marginalisierten Schichten der Armutsgesellschaften aus dem neunzehnten Jahrhundert und vorher durch die Lande vagabundierten. „Jenisch“ leitet sich von „d^san“ ab und hat die Bedeutung: die kluge Sprache.

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Gemeinsam haben die Masematte und das Manische, dass man sie heute in beiden Städten auf T-Shirts, Kappen und Sweatshirts findet, sie also aufgrund ihrer identitätsstiftenden Funktion kommerzialisiert werden. Graffitis, Speisekarten und Imbissbuden zeugen im Stadtbild von der Existenz der Sondersprachen.

Jeder, der oder die sich als Gießenerin oder Gießener fühlt, ganz gleich ob zugezogen oder dort geboren, könne ein paar Worte Manisch, so äußerte sich der Oberbürgermeister Becher im letzten Jahr anlässlich der Ernennung der Rotwelsch-Dialekte zum Immateriellen Kulturerbe.

Wenn Sie also mal nach Gießen kommen und jemand trägt ein T-Shirt, auf dem steht Latscho Tschabo, dann bedeutet das großer Mann oder auch freundlicher Freund. Also auf jeden Fall etwas Gutes. Wenn Sie einen Schlüsselanhänger als Mitbringsel aus Gießen bekommen, auf dem Chefmoss steht, dann werden Sie für eine attraktive Frau gehalten.

Also soweit schon mal keine Fallstricke in Sicht. Auch bei der Suche nach Namensgebern wird in Gießen gerne das Manische benutzt, so gibt es einen Basketballverein, der sich die Depant GIESSEN 46ers Rackelos nennt. Rackelo bedeutet Bruder, Junge, junger Mann oder Kind.

Das kann man ähnlich wie bei der Masematte in einem Online-Wörterbuch nachlesen. Wer also mal Lenz hat, könnte die manischen Wörter mit unseren im Wörterbuch Tackopedia vergleichen. Stellt man allerdings die Benutzerfreundlichkeit der Wörterbücher gegenüber, so hat das Münstersche Tackopedia die Nase vorn.

Hier geht die Abfrage in beide Richtungen und man hat eine Suchfunktion. Das Manisch-Wörterbuch hat nur eine Richtung, vom Deutschen zum Manischen, keine Gebrauchsbeispiele und auch keine etymologischen Erklärungen über die Herkunft des Wortes.

In den Wörterbüchern entdeckt man einiges an Bekanntem. Die Testfrage, ob man in Münster dazugehört: „Wat schmust der Osnik?“ („Wie spät ist es?“) findet sich auch im Manischen wieder, wie auch „lowi“ für „Geld“, „räunen/roinen“ für „sehen“ oder „die Katschemme“ für „die Kneipe“.

Einladung

Neue RUMS-Veranstaltung: Der Preußen-Talk mit Carsten Schulte

Ankündigung der RUMS-Veranstaltung Preußen-Talk am 10. Juni 2026 um 19:06 Uhr

Der SC Preußen Münster schaut auf ein paar fast rauschhafte Jahre zurück. Nun wird er wieder in die 3. Liga zurückkehren.

Im Sommer 2026 wird sich also einiges ändern beim SC Preußen Münster. Und genau darüber möchte RUMS mit denen sprechen, die diese Veränderungen gestalten und umsetzen. Unsere Gäste: Ole Kittner, Noemi Hutter und Dietrich Schulze-Marmeling. RUMS-Kolumnist Carsten Schulte moderiert den Abend.

Wie sieht er aus, der neue SC Preußen für 2026/2027? Welche Ideen oder Pläne gibt es mit Blick auf den Einstieg in den Frauenfußball? Und was sagt jemand, der mit feinem Gespür für den SC Preußen von außen auf die Entwicklungen des Vereins blickt? Darüber und über vieles mehr werden wir am Mittwoch, 10. Juni, um 19:06 Uhr im ATLANTIC Hotel (Engelsaal) sprechen.

Tickets gibt’s über den Link auf unsere Veranstaltungsseite. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind!

Das liegt daran, dass die Masematte und das Manische die gleichen Spendersprachen haben. Anders ist allerdings das Zahlensystem. Beruht es in der Masematte auf dem Hebräischen („olf“, „bes“, „kimmel“ …), so ist es beim Manischen das Zahlensystem der Jenischen, was verwandt ist mit dem des Romani.

Gießen kann aber eindeutig punkten, was die Aufarbeitung des Umgangs mit den Sprechergruppen angeht. Dazu wird eine Ausstellung im Museum für Gießen (das Museum heißt so!) geplant. Die Vertreibung oder Vernichtung der Manisch-Sprechenden ist in Gießen ausführlich und historisch-kritisch dokumentiert.

Am 16. März wurde ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eingerichtet und die Namen der Nationalsozialisten, die für die Verfolgung und Ermordung der Manisch-Sprechenden verantwortlich waren, sind dokumentiert und somit bekannt.

Spannend ist es, wenn man die Sprecherviertel in Gießen und in Münster vergleicht: Die Viertel Sonnenstraße, Kuhviertel, Pluggendorf und Klein Muffi die in der Innenstadt Münsters lagen, wurden im Zweiten Weltkrieg zum großen Teil zerstört – die Sprecherinnen und Sprecher vorher schon von den Nazis vertrieben oder verfolgt. Beim Wiederaufbau verlegte man dann die Wohngebiete für die sozial Schwachen außerhalb der Stadtgrenzen: nach Kinderhaus, Coerde, Berg Fidel. In Gießen ist das nicht anders.

Die Viertel Gummiinsel und Eulenkopf, in denen das Manische gesprochen wird, liegen westlich des Flusses Lahn, der durch Gießen führt. Die Bezirke wurden im zwanzigsten Jahrhundert von den Regierenden der Stadt zur sozialen Abgrenzung erbaut und haben eine Insellage.

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Einladung zur zweiten RUMS-Revue

Foto, auf dem die RUMS-Redaktion auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters zu sehen ist.

Am Montag, 6. Juli um 18:30 Uhr werden Anna Niere, Raphael Balke und Ralf Heimann wieder auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters zu sehen sein. Gemeinsam mit Ihnen blicken sie auf das zurück, was in Münster so los war. Es wird wieder journalistisch, unterhaltsam und musikalisch – mit Gesprächen, Gästen und Geschichten. Ein Abend über die Stadt, die Leute und Lokaljournalismus.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Wolfgang Borchert Theater statt. Tickets (25 Euro) gibt es ab jetzt im Ticketshop des Theaters. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind!

So auch der Bezirk Margaretenhütte, der durch einen Güterbahnhof von der Stadt abgetrennt ist. Die Gummiinsel, die man nur über die Lahn erreichen konnte, wurde häufig überflutet. Menschen, die dort lebten, arbeiteten in der nahegelegenen Gummifabrik Poppe und Co, wo die roten Gummiringe für Einmachgläser hergestellt wurden, die sicher jeder von Ihnen kennt. Daher der Name Gummiinsel.

Der Eulenkopf ist ebenfalls ein Viertel, das in den 1950er-Jahren für Geflüchtete und Wohnungslose entstand. In den siebziger Jahren erlangte das Viertel bundesweite Aufmerksamkeit durch eine Initiative von Studierenden, die die prekäre Lebenssituation der Bewohner verbessern wollten.

Mir stellt sich automatisch die Frage, ob es das in Münster auch gegeben hat oder geben würde. Dazu lassen sich nur Vermutungen anstellen, aber Fakt ist, dass Anfang der Siebziger die Masematte in Münster zur hippen Jugend- und Studierendensprache avancierte und dadurch eine Entwicklung hin zu Akademisierung und kultureller Aneignung begünstigt wurde.

Das Manische schaffte es noch ein weiteres Mal in die bundesweiten Medien. Ende der neunziger Jahre drehte der Dokumentarfilmer Marc Wiese eine Doku über die Manisch sprechenden Menschen von der Gummiinsel, die zehn Jahre zuvor aufwendig saniert worden war. Die Doku sollte „Deutsche Desperados“ heißen, wurde aber nicht gesendet, weil das ZDF diese in einer die Sprechenden diskriminierenden Weise ankündigte und sich die Gießener dagegen wehrten.

„Das Dorf der Schrottler, Schausteller und Hausierer“ war der Untertitel, was als beleidigend empfunden wurde. Der beschreibende Text der Doku in den Fernsehzeitschriften lautete: „Sie arbeiten schwarz, abseits von der Gesellschaft, erhalten einen illegalen Wirtschaftskreislauf seit Jahren lebendig. […] Der sozialen Ruhe wegen sehen die Behörden bei dem kriminellen Treiben untätig zu.“ Die „taz“ schrieb im November 1998 darüber.

In Gießen regte sich darauf im November 1998 Widerstand, man fühlte sich in seiner Würde verletzt, Kinder aus dem Viertel würden aufgrund der Filmankündigung beschimpft werden. Die Politik und sogar die Kirche mischten sich ein. Der Fall schlug hohe Wellen. Dabei war die Doku inhaltlich gar nicht reißerisch, der Autor kam selbst aus Gießen und war bekannt für seine sensiblen Sozialreportagen.

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Dieses Aufmotzen lokaler Besonderheiten, um sich interessanter zu machen – ähnlich wie im ZDF-Titel – ist auch in Münster keine Seltenheit. Kriminalisierung bis hin zu stumpfem Antisemitismus finden sich in endlos reproduzierten Sätzen wie: „Tasche, Brink und Ribbergasse, Messerstecher erster Klasse“, wenn es um die kriminelle „Aufwertung“ des ehemaligen Kuhviertels geht. Die gängige Definition der Masematte als Geheimsprache, die jüdische Viehhändler zur Verdunklung ihrer angeblich krummen Geschäfte nutzten, ist diffamierend und fördert den Antisemitismus in der Stadtgesellschaft.

Würden sich heute Münsteranerinnen und Münsteraner über die Ankündigung einer Reportage beschweren, weil die verkaufsfördernden Klischees unseres vermeintlichen Alleinstellungsmerkmals Masematte als Verletzung ihrer Würde empfunden würden? Oder einfacher: Kämpft jemand für die Würde der Menschen, die Masematte sprechen oder sprachen? Oder holen wir uns nur die Rosinen aus dem Kuchen?

Ein Beispiel fällt mir ein: Vor vielen Jahrzehnten wehrten sich die Bewohner von Klein Muffi gegen die negative Bezeichnung als stinkender Ort (Muffi = muffen = stinken) und nannten ihren Bezirk „Mochum“, hebräisch, „die Stadt“ oder „das Dorf“.

Ist das Gras in Gießen nun grüner oder nicht? Das meine ich nicht politisch. Durch den Vergleich der Grüntöne, der Höhe des Grases, des Anteils von Moos und der Anzahl der Gänseblümchen kann man auf jeden Fall sehen, an welchen Stellen in Sachen Masematte noch Handlungsbedarf besteht.

Einen schönen Sonntag

Ihre Marion Lohoff-Börger

Porträt von Marion Lohoff-Börger

Marion Lohoff-Börger

… ist die Frau mit der Masematte und den alten Schreibmaschinen. Auf letzteren schreibt sie Gedichte und verkauft diese in ihrem Atelier an der Hansaring 12 als Postkarten. Die Masematte möchte die freie Autorin in Münster zu einem lebendigen Sprachdenkmal machen und versucht, dieses mit Kursen, Vorträgen, Lesungen, Büchern und Artikeln für Zeitungen und Onlinemagazine umzusetzen. 2021 stellte sie beim Land Nordrhein-Westfalen den Antrag „Masematte als Immaterielles Kulturerbe“, der abgelehnt wurde mit dem Hinweis, die Stadtgesellschaft Münster müsse sich noch mehr für dieses Kulturgut engagieren.

Die Kolumne

Immer sonntags schicken wir Ihnen eine Kolumne. Das sind Texte, in denen unsere acht Kolumnistinnen und Kolumnisten Themen analysieren, bewerten und kommentieren. Die Texte geben ihre eigene Meinung wieder, nicht die der Redaktion. Mitgliedschaften in politischen Parteien oder Organisationen machen wir transparent. Wenn Sie zu den Themen der Kolumnen andere Meinungen haben, schreiben Sie uns gern. Wenn Sie möchten, veröffentlichen wir Ihre Zuschrift im RUMS-Brief. Wenn Sie in unseren Texten Fehler finden, freuen wir uns über Hinweise. Die Korrekturen veröffentlichen wir ebenfalls im RUMS-Brief.

 

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Wie zeitgemäß ist Sexismus in der Masematte | Die Kolumne von Marion Lohoff-Börger

Porträt von Marion Lohoff-Börger
von Marion Lohoff-Börger

Guten Tag,

haben Sie Sätze wie: „Da kommt der Typ mit seiner Ische!“ oder „Guck dir mal die Kaline an!“ schon mal in Münster gehört? Oder benutzen Sie sie selbst ab und zu?

Die Wörter, die wir heute noch aus der Masematte kennen, haben oft einen abwertenden Charakter. Manche Wörter klingen grob, andere ironisch, fast sarkastisch, wie zum Beispiel die Zitterfehme (zitternde Hand) für einen alten Mann oder die Nasenbleiche für eine Entziehungskur.

Ob die gesamte Masematte in ihrer ursprünglichen Form so negativ behaftet war, kann man heute kaum beurteilen, denn die Erkenntnisse, die man gewinnen kann, basieren nur auf den Wortsammlungen aus den achtziger Jahren oder Anfang der 2000er-Jahre.

Momentan wird ein Frauengedenktag nach dem anderen durch die Medien gepusht und diese bekommen dadurch eher einen Eventcharakter, als dass sich wirklich etwas für die Frauen tut, für die sexualisierte Gewalt, Demütigungen und Angst zum Alltag gehören.

Eine Eventisierung des Sichtbarmachens dieser Probleme in unserer Gesellschaft schreitet meiner Erfahrung nach voran: Ich werde zum Beispiel mit Rabatten zum Weltfrauentag im Onlinehandel bombardiert. Zur Erinnerung daran, dass Herzinfarkte bei Frauen anders verlaufen als bei Männern, soll ich einen Tag lang einen roten Pullover anziehen.

Was tut sich? Nichts

Ambivalent wird es, wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue: Es finden massenhaft Konzerte und Lesungen in Münster zum Weltfrauentag statt, aber Rote Bänke, die an Gewalt gegen Frauen erinnern, sind plötzlich ein Zuviel an Symbolik im öffentlichen Raum.

Und was tut sich unterm Strich? Nichts! Die Frauenhäuser sind übervoll, die häusliche Gewalt nimmt zu und ein Bundeskanzler lässt sich als Feminist feiern, wenn er Gewalt gegen Frauen auf ein Migrationsproblem zurückführt.

Ich nehme all das zum Anlass, heute die bedenkenswerten Begriffe für Frauen in der Masematte genauer unter die Lupe zu nehmen, um danach an Sie die Frage zu stellen, ob wir sexistische Ausdrücke reproduzieren oder doch lieber aussortieren sollten.

Es gibt in der Masematte, von der leider nur noch circa 600 Wörter bekannt sind, über 10 verschiedene Bezeichnungen für Frauen. Darunter und vermutlich am meisten bekannt: die Ische, die Kaline und vielleicht noch das Anim. Dann gibt es noch das Rakeli, die Schei, die Goie, die Alsche und das Ralliken. Bei diesen acht ist der etymologische Hintergrund und auch der Gebrauch interessant, deswegen habe ich sie ausgewählt.

Die Begriffe Ische, Kaline, Anim und Goie kommen aus dem Jiddischen, aus dem grundsätzlich 50 Prozent der bekannten Wörter aus der Masematte stammen. Das Jiddische ist eine Mischung aus dem Hebräischen und dem Deutschen, entstand im Mittelalter und wurde als Alltagssprache von Menschen jüdischen Glaubens gesprochen.

Die Ische wird in der Bedeutung von der Freundin eines Mannes gebraucht und hat demnach einen eindeutig possessiven Charakter. Zum Beispiel sagte man „Dat is die Ische von den Schockfreier!“ Was bedeutet, das sei die Freundin des Schaustellers. Ische ist nicht nur münsterintern bekannt, man hörte den Ausdruck gleichermaßen im Soziolekt der Jugendlichen im Berlin der 68er-Jahre.

Sprache – oft ganz schön verdreht

Ähnliche Erscheinungsformen hat auch die Kaline, die gibt es im Wiener Dialekt. Das Jiddische hatte in fast allen Regionen im deutschsprachigen Raum einen starken Einfluss.

Die Herkunft der Bezeichnung Kaline ist jedoch unklar. Eventuell kommt Kaline aus dem Jiddischen von Kalle, der Braut oder von kal, was gering oder leicht bedeutet. So wundert es nicht, dass die Kaline abwertend ein leichtes Mädchen, eine eingebildete Frau, eine dicke Frau, die Geliebte oder eine Prostituierte bezeichnen kann.

Ein überlieferter Satz lautet: „Der Seeger hegt sich ne Kaline, die für ihn aufn Talong teilacht.“ Übersetzt heißt das: Der Mann hat ein Mädchen, das für ihn auf den Strich geht. All das schwingt beim Gebrauch des Wortes mit, auch wenn es auf rosa T-Shirts oder Keramiktassen gedruckt ist.

Das Anim (wird das i langgezogen oder nicht? Ich weiß es nicht!) ist ein sehr häufig gebrauchter Begriff für Mädchen. „Roin, das kurante Anim!“ ist ein Beispiel für den Gebrauch und bedeutet: Schau dir das hübsche Mädchen an. Oft werden aber auch Frauen zum Zweck der Diskriminierung als Mädchen oder seit einigen Jahren als Mädels bezeichnet, wie wir es aus der Umgangssprache kennen.

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Ursprünglich bezeichnet das rotwelsche Hannide und jiddische Nidda, aus denen sich Anim ableitet, eine Frau, die ihre Regel hat, was ja eigentlich bedeutet, dass sie kein Kind mehr ist. Sprache kann ganz schön verdreht sein. Das Knäbbelanim ist die Bäuerin, das Nabbelanim eine Prostituierte. Auch hier werden gleichermaßen Frauen mit der Bezeichnung Anim kleiner und unbedeutender gemacht als sie sind.

Interessant ist die Herkunft des Wortes Goie oder auch Choie (das G wird oft wie ch gesprochen), das sich sehr häufig im Wortschatz der Masemattesprecher:innen zeigte. Im Jiddischen ist die Goie die Nicht-Jüdin und eben dann auch die Magd, die am Sabbat die Arbeit in den jüdischen Haushalten verrichtete.

Für die Nicht-Romnja gibt es im Romani auch einen entsprechenden Ausdruck: Es ist das Rakeli, mit dem häufig in der Masematte Frauen und Mädchen bezeichnet werden. Die entsprechende männliche Form ist im Romani der Raklo, also der junge Mann.

Entscheidend: der Kontext

Die Worte stammen ursprünglich aus dem Altindischen, Daraka bedeutet der Knabe. An dieser Stelle muss ich (wie immer) begeistert betonen, wie besonders es ist, dass Worte, die so alt sind und aus Indien stammen, es bis in die Viertel von Münster geschafft haben.

Ein weiteres Wort für Frau oder Mädchen aus dem Romani ist das Wort Schei, im Romani entsprechend Chaj. Hier bedeutet es die Tochter oder das Mädchen.

Die dritte Spendersprache neben dem Jiddischen und dem Romani ist das Westfälische und auch hier sind die Begriffe überliefert, die im Allgemeinen abwertend und abfällig gebraucht werden.

Die Alsche ist die Frau und Mutter, entsprechend der Ollen, die man in fast allen westfälischen Dialekten findet. Die Ehefrau wenig liebevoll als „meine Olle“, die Mutter als „meine Alte“ zu bezeichnen, ist vielen sicher bekannt.

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Das Ralliken ist der Name für ein ungezogenes Mädchen und entspricht dem abfälligen Ausdruck für ein Mädchen, das sich klar und laut äußert, also eigentlich selbstbewusst ist, aber gerne als freche Göre geringgeschätzt wird.

Nach diesen detaillierten und, wie ich hoffe, interessanten Ausführungen über Herkunft und Gebrauch der Begriffe für Frauen in der Masematte wird für mich grundsätzlich deutlich, dass diese tendenziell sexistischer Natur sind.

„Sexismus bedeutet die Benachteiligung, Abwertung, Verletzung und Unterdrückung einer Person oder einer Gruppe aufgrund des Geschlechts. Sexismus ist auch die Vorstellung, dass Geschlechter eine Ordnung oder Reihenfolge haben. Zum Beispiel die Vorstellung, dass Männer mehr wert sind als Frauen“, so die Bundeszentrale für politische Bildung.

Es gilt zu bedenken, dass für eine seriöse Beurteilung der Gebrauch der Ausdrücke in seinem Kontext entscheidend ist. Man muss sich fragen, wer die Menschen waren, die für die Sammlung der Masemattewörter für die Wörterbücher Anfang der Achtziger und später befragt wurden. Wichtig auch zu wissen, in welcher Situation die Befragungen stattfanden.

Was sollten wir aussortieren?

Meines Wissens fanden Befragungen in einschlägigen Kneipen statt. Wurden nur Männer befragt? Vermutlich! Wollten die Befragten sich womöglich beweisen oder gar untereinander konkurrieren? Vielleicht wollten sie hier und da die Forscher:innen sogar aufs Glatteis führen und haben falsche Dinge erzählt? Es soll sich bei der Masematte ja angeblich um eine Geheimsprache handeln, da läge das doch nah, oder?

All das muss mitbedacht werden, wenn wir heute ein Urteil über die vermeintliche Frauenfeindlichkeit der Masematte fällen. Es ist sehr schade, so muss ich an dieser Stelle anmerken, dass man von der Primärmasematte, die mit dem Holocaust komplett verlorenging, heute keine Kenntnisse mehr hat, weil sie nicht verschriftlicht wurde.

Mir stellt sich trotzdem die Frage, und die möchte ich jetzt an Sie weitergeben, ob wir einzelne Masemattewörter aussortieren sollten, weil sie offensichtlich frauenfeindlich und sexistisch sind. Oder sollten wir sorglos und jenseits jeglicher Sprachsensibilität abwertende Ausdrucksweisen reproduzieren, weil es sich um ein Brauchtum handelt, das zur Historie unserer Stadt zählt? Oder könnten wir eine der heutigen Zeit angemessene Form finden, damit umzugehen?

Wenn der Wille nach Sicherheit von Frauen vor Gewalt und Übergriffen besteht, fängt er dann in unserer Sprache an oder ist das nur Makulatur wie die Sonderpreise zum Weltfrauentag im Onlinehandel? Was denken Sie? Schreiben Sie es in die Kommentare, kommen wir in eine Diskussion.

Herzliche Grüße

Marion Lohoff-Börger

PS

Als Grundlage meiner Erkenntnisse verwende ich das Buch „Das Leben und die Sprache der Menschen in Münsters vergessenen Vierteln“ von Margret Strunge und Karl Kassenbrock. Und für alle, die sich in Sachen Sexismus schlau machen wollen, hier ein Link zu einer Studie über Sexismus im Alltag vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2025.

Porträt von Marion Lohoff-Börger

Marion Lohoff-Börger

… ist die Frau mit der Masematte und den alten Schreibmaschinen. Auf letzteren schreibt sie Gedichte und verkauft diese in ihrem Atelier an der Hansaring 12 als Postkarten. Die Masematte möchte die freie Autorin in Münster zu einem lebendigen Sprachdenkmal machen und versucht, dieses mit Kursen, Vorträgen, Lesungen, Büchern und Artikeln für Zeitungen und Onlinemagazine umzusetzen. 2021 stellte sie beim Land Nordrhein-Westfalen den Antrag „Masematte als Immaterielles Kulturerbe“, der abgelehnt wurde mit dem Hinweis, die Stadtgesellschaft Münster müsse sich noch mehr für dieses Kulturgut engagieren.

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  • Angelika Kachel

    Sehr geehrte Frau Lohoff-Börger,
    so wie Sie Ihre Abschlussfragen formulieren, empfinde ich sie als Suggestivfragen. Würde sich hier jemand für das Brauchtum und Beibehalten aussprechen, wäre ja bereits geklärt, dass die Person „sorglos und jenseits jeglicher Sprachsensibilität“ damit umgehen würde. Ich glaube nicht, dass wir auf diese Weise Menschen für eine gendergerechte Sprache gewinnen.
    Schon in der Überschrift wird klar, dass Sie eine Position beziehen. Dann bleiben Sie doch bitte dabei und geben sich nicht scheinbar sachlich. Wenn ich mich als Leserin für dumm verkauft fühle, bringt mich das emotional auf die Gegenseite, da wo ich von der Sache her gar nicht hin will.
    Mit freundlichen Grüßen
    Angelika Kachel

    • Marion Lohoff-Börger

      Sehr geehrte Frau Kachel,
      selbstverständlich habe ich eine Meinung und beziehe Position. Und diese versuche ich in meiner Kolumne mit Fakten, die ich recherchiert habe, zu untermauern. Ja, und ich ich provoziere und ich bennene das, was für mich offensichtlich ist. Aber ich wünsche mir im Bewusstwerdungsprozess eine Diskussion und zu der muss man vielleicht die Menschen bewegen, indem man provoziert. Dass Sie sich für dumm verkauft fühlen, war absolut nicht meine Absicht und ein Eigentor in Sachen Sprachsensibiltiät wollte ich schon gar nicht schießen. Aber danke, dass Sie sich geäußert haben. Jede Reaktion bringt mich ein Stück weiter.
      LG
      Marion Lohoff-Börger

      • Angelika Kachel

        Danke für Ihre Antwort, Frau Lohoff-Börger. Sie schreiben, Sie wünschen sich einen Bewusstwerdungsprozess und dazu soll eine Diskussion gehören. Sie haben also ein klares Ziel, Ihr gutes Recht. Ich stoße mich auch nicht an der Provokation. Nur glaube ich nicht, dass sich Menschen an einer Diskussion beteiligen möchten, wenn das Ergebnis bereits festgelegt wurde.
        Klar möchten Sie bestätigende Rückmeldungen, wer nicht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Sie sich in einer Bestätigungsblase bewegen wollen. Wenn Sie allerdings zu einer Diskussion (die diesen Namen verdient) einladen und gleichzeitig im Vorhinein widersprechende Äußerungen abwerten, dann wirkt die Einladung auf mich nicht authentisch. So entsteht meines Erachtens Polarisierung.
        Nicht ernst genommen und in eine Ecke gestellt. Könnte es sein, dass genau diese Gefühle dazu geführt haben, dass sich bei einem anderen Sprachthema in unserer Stadt, dem der Straßennamen, die Fronten verhärteten? Ich wohne in einer Straße, die evtl auch irgendwann umbenannt worden wäre und ich hätte mich nicht dagegen gewehrt. Nun ist dieser Zug wohl abgefahren. Aber ich beginne zu verstehen, aus welcher psychologischen Dynamik die Gegenwehr u.a. befeuert wurde.
        Wenn wir ehrlich zu einem Diskurs aufrufen, da können unsere Argumente noch so gut sein, müssen wir uns meines Erachtens mindestens ein Stück für widersprechende Argumente offen halten, sonst können wir ja gleich rufen: Hey du Blödi, prall an mir ab!
        Herzliche Grüße
        Angelika Kachel

  • Marcus Steinhorst

    Meine Beobachtung unserer Alltagssprache ergibt immer wieder, dass Bedeutungen von Worten und Wendungen sich wandeln. Gesprochene Sprache wandelt sich in der Gegenwart wohl schneller als in der Vergangenheit, aber der Vorgang an sich ist lebendiger Kommunikation immanent.

    Den sprechenden Personen sind Veränderungen, also auch vormalige Bedeutungen meist nicht mehr bewusst. Das ist auch erwartbar, weil wir unsere Alltgagssprache nicht permanent historisch ausleuchten. Es käme einer Überforderung gleich, das trotzdem zu erwarten.

    Beispiele für solche Bedeutungsverachiebungen finden sich leicht: der „tolle“ Kerl ist nach heutigem Verständnis eben kein verrückter Mann mehr, sondern ein beeindruckender Mann. Und wenn die „Kaline“ heute auf rosa T-Shirts auftaucht, ist den Verwendern die historische frauenfeindliche Bedeutung nach meiner Wahrnehmung nicht bewusst. Das ist aus meiner Sicht auch okay, denn es ist kein Zeichen von beanstandenswerter Geschichtsvergessenheit, sondern für einen alltäglichen Sprach- und Bedeutungswandel.

    Es ist wichtig, den Wandel zu dokumentieren. Aus meiner Perspektive ist eine Diskussion um die Veränderungen auch wichtig und Teil des Prozesses. Sie kann ihn verändern, wird ihn aber wohl niemals generell aufhalten. Sprache wird von der Gemeinschaft gestaltet, die sie spricht. Und wir sind alle ein winziger Teil dieser Gemeinschaft…

    • Marion Lohoff-Börger

      Vielen Dank für Ihre Ausfrührungen, Herr Steinhorst. Leider wissen wir ja gar nicht, ob die Kaline und die Ische abwertend gebraucht wurden. Wichtig ist, wie wir die Wörter heute verwenden. Und ohne ständig zu reflektieren, ob ein Wort wohl zeitgemäß, rassistisch, sexistisch oder irgendwie negativ gemeint ist, mache ich es so, dass ich versuche niemanden mit meiner Sprache zu verletzten, der jetzt aktuell in meinem Umfeld lebt. Es gibt keine Sprachpolizei, niemand wird sich einen Maulkorb verpassen lassen, wir können immer nur persönlich im aktuellen Kontext entscheiden, wie wir reden und welche Sprache wir benutzen. Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er zu reden hat und die Veränderungen der Sprache im Laufe der Zeit sind ein spannendes und weites Feld. Heikel ist es allerdings auch immer da, wo es um die Sprache von Menschen geht, die aktiv ausgegrenzt und verfolgt wurden, wie die Menschen jüdischen Glaubens und die Sinti und Roma im Nationalsozialismus, denn diese Menschen haben hundert Jahre vorher (1850) ihre Sprache mit nach Münster gebracht. Deswegen gilt hier für mich eine besondere Achtsamkeit.
      LG
      Marion Lohoff-Börger.

 



Masematte Kolumne  Februar 2026 (erschienen am 6.2.26 in der rums 

 

 

 

Sag niemals: Ich komme nicht von hier!

 

Wussten Sie, dass man mich mit Nussecken bezahlen kann? Tatsächlich sind bei näherer Betrachtung Nussecken ein gutes Zahlungsmittel: in fast jedem Verein gibt es jemanden, der oder die ein Spezialrezept hat, sie halten mehrere Wochen lang in einer Dose, also hat man immer Kuchen im Haus, und das Wichtigste: ich liebe Nussecken.

 

Häufig werde ich von Seniorengruppen in Pfarrgemeinden oder von gemeinnützigen Organisationen gefragt, ob ich einen Vortrag über Masematte halten würde. Das mache ich immer sehr gerne, aber häufig gibt es kein Budget für ein Honorar. Und weil das für mich nicht okay ist, ohne Bezahlung zu arbeiten und weil es auch für die Senior:innen unangenehm ist, wenn sie mir nichts dafür geben können, weil die Kassen leer sind, habe ich mir als adäquates Zahlungsmittel Nussecken ausgedacht. Das läuft hervorragend! So auch in einem Vorort von Münster in einer Pfarrgemeinde, wo ein typischer Senior:innennachmittag, wie so oft an einem Mittwochnachmittag im Pfarrheim neben der Bücherei stattfand. Es waren Frauen im Alter zwischen sechzig und über neunzig anwesend und alle brachten sie, neben den versprochenen Nussecken, ihre eigenen Geschichten bezüglich der Masematte mit. Nachdem ich über die Entstehung, die Sprecher:innenviertel, den Gebrauch und die historische Entwicklung der Masematte referiert hatte, erspielten wir noch gemeinsam mit meinen Handpuppen und allerlei Küchenutensilien „Dat Össelken“, das Märchen vom Aschenputtel auf Masematte übersetzt. https://www.schreibmaschinenlyrik.de/shop/  Die Stimmung war bombe, es wurde viel gelacht und sich an früher erinnert. Und dann brach ein echter Streit aus. Zwei Frauen zankten sich darüber, wie ihre Väter damals 1945 die Kohlen von den Waggons geschort (also geklaut) hatten. Die eine behauptete ihr Vater hätte die Kohlen von einem fahrenden Zug gestohlen, die andere hielt das für unmöglich und war der Meinung, dass man, so wie ihr Vater, nur Kohle hatte stehlen können, wenn ein Zug stand. Es wurde mit einer Heftigkeit gestritten, der man anmerkte, dass es beiden Frauen ein sehr wichtiges Anliegen war. Es ging um die Ehre ihrer Väter.

 

Ich erzähle diese Anekdote, um zu zeigen, wie die Masematte, die für viele Münsteraner:innen zu ihrer persönlichen Geschichte gehört, zutiefst berührt und Erinnerungen freisetzt.

 

Ortswechsel. Wir sind im Saal des Bennohauses, die Senior:innen vom DGB machen dort regelmäßig Veranstaltungen zu aktuellen oder interessanten Themen und heute war ich eingeladen, über die Masematte in Münster zu sprechen. Honorar: echtes Geld, keine Nussecken (… wäre ja auch noch schöner bei einer Gewerkschaft).

 

Direkt am Anfang kam eine Frau, so um die achtzig mit einem Stapel Büchern zu mir an meinen Rednertisch und strahlte mich an. Sie sagte: „Ich kann Masematte, ich habe diese ganzen Bücher gelesen.“ Es waren die Bücher von Herrn Schemann aus dem Aschendorff Verlag, einer Reihe in der jedes Jahr ein neuer Band erscheint. Wer meine Kolumne bisher inhaltlich verfolgt hat, weiß, dass ich keine Freundin davon bin, die Masematte nach „Gutsherrenart“ zu benutzen, aber gut, es ist eine akzeptable Form, sie weiter unters Volk zu bringen (und dabei Geld zu verdienen und nicht mit Nussecken den Cholesterinspiegel hochzujagen…). Ich klärte die alte Dame nicht direkt auf, dass man Masematte nicht wie eine Fremdsprache erlernen kann, sondern hoffte darauf, dass sie am Ende meines Vortrags verstehen würde, worum es mir ging. Und sie verstand! Sie meldete sich, als ich fertig war, zu Wort und erzählte in der großen Runde unter Tränen, dass sie mit den Büchern vom Schemann verzweifelt versucht hatte, Masematte zu lernen, um dazuzugehören. „Ich bin ja nicht von  hier!“, brach es aus ihr heraus. „Wir sind aus Schlesien geflüchtet. Mein Vater hat Anfang der fünfziger auf dem Bau gearbeitet, wo Masematte gesprochen wurde. Er wurde jeden Tag veräppelt, weil er die Wörter nicht verstand. Ihm wurde jeden Tag deutlich gemacht, dass er nicht dazugehörte, nicht von hier wäre!“ Traurig packte sie ihre Bücher wieder in ihre Tasche.

 

„Ich bin ja nicht von hier!“ Wie oft habe ich das schon gehört, wenn es um die Masematte geht! „Ich kenn das nicht mit dieser Masematte, ich bin nicht in Münster geboren!“ So viele Nussecken kann ich gar nicht zur Beruhigung essen, wie mich dieser Satz aufregt. Und noch einmal ganz kurz: Die Masematte kommt von Menschen, die nicht von HIER waren, von den Zugezogenen, den Ausgegrenzten, den notgedrungen Geduldeten. Merken Sie die Parallele zu heute? „Ich bin nicht von hier!“ Wer nicht in Münster geboren wurde und damit scheinbar die Masematte mit der Muttermilch oder dem Fläschchen in sich aufgesogen hat, gehört nicht dazu? Ich bitte alle, die das hier lesen: Sagen Sie niemals „Ich komme nicht von hier!“. Sie sind hier und deswegen kommen Sie auch von hier! Und keine elitäre Sprache oder Herkunft ändert etwas daran.

 

 

 

Ortswechsel: Ich bin in einem Seniorenheim in der Innenstadt. Andrea Lehmann, die übrigens mit dem Ehrenamtspreis des Bundespräsidenten im Januar 2026 ausgezeichnet wurde (Glückwunsch, liebe Andrea!!! https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.youtube.com/shorts/qifXotZ3m5c&ved=2ahUKEwj0-JuQu9aSAxW_R_EDHVAdBYYQ3aoNegQIFhAW&usg=AOvVaw1gl7dmST74JZpB4Y2AwzRx ) hat eine wunderbare Initiative gegen Einsamkeit im Alter initiiert: „Alter Falter“ heißt ihr Projekt. Ich durfte (für ein wirklich fürstliches Honorar) mit meiner Masematte daran mitarbeiten. Wir brachten Kinder einer benachbarten OGS mit den Senior:innen zusammen. Sie spielten gemeinsam „Die vier Schallermänner“, https://www.schreibmaschinenlyrik.de/shop/ , also die Bremer Stadtmusikanten, mit meinen Handpuppen und dann, so unser Plan, sollten sich die Kinder und die alten Menschen über verbotene Wörter unterhalten. Und es funktionierte so wunderbar. Was durfte man früher nicht sagen? Was heute? Was denken alte Menschen, wenn sie schlecht behandelt werden, wie drücken sie das aus, wie machen das die Kinder? Wir waren überflüssig bei diesem Gespräch und rieben uns innerlich die Hände. Wir hatten Kinder und Seniorinnen mit der Masematte zusammengeführt, beides Menschen in einem Alter, in dem man oft bevormundet und nicht ernst genommen wird. Dass wir dann an einem weiteren Termin zwei Wochen später gemeinsam mit den Rikschas von „Leezen-Heroes“ eine Masematte Stadtrundfahrt mit verschieden Stationen gemacht haben und am Ende (nein keine Nussecken, sondern) Waffeln mit Kirschen und Sahne im ehemaligen Café Malik aßen, setzt dem ganzen noch das Sahnehäubchen, plus dem I-Tüpfelchen, plus der Krone auf. Das ist Seniorenarbeit vom Feinsten und ich bin unendlich dankbar, dass ich dabei sein durfte.

 

Ganz allgemein möchte ich darauf hinweisen, dass sich die Masematte hervorragend in der gerontopsychiatrischen Arbeit einsetzen lässt. Wie alte Kinderlieder haben sich die Worte aus der Masematte bei an Demenz erkrankten Menschen tief eingeprägt und können sie aufwecken oder kurz ins Hier und Jetzt holen. Eine Ergotherapeutin, die in diesem Bereich arbeitet, brachte mich auf die Idee, ein Memory mit Tieren vom Bauernhof zu entwickeln. Ich stempele es von Hand auf blanko Karten und es wurde als Geschenk für Oma und Opa versus Enkelkinder oder für Senior:innentreffs schon oft gekauft https://www.schreibmaschinenlyrik.de/shop  und benutzt.

 

 

 

Sie kennen alle „jovel“ und „schofel“, oder die „Leeze“? Also bitte, sagen Sie niemals sie sprechen kein Masematte, weil sie nicht von HIER sind.

 

In diesem Sinne,

 

einen jovlen Sonntag und morgen einen toften Start in die neue Woche, wenn’s wieder mit der Leeze zur Maloche geht.

 

 

 

Marion Lohoff-Börger.

 

 

 

Wer Interesse an meinen Büchern inklusive Spielanleitungen mit Kindern oder Senioren hat, schaue bitte in meinen Online-Shop. Dort sind sie für echtes Geld zu erwerben.

 

 

RUMS

Die Kolumne

 


 

21. Dezember 2025

Die Kolumne von Marion Lohoff-Börger | Straßennamen: Lassen wir uns was einfallen

Porträt von Marion Lohoff-Börger

 

Mit Marion Lohoff-Börger

Guten Tag Marion Lohoff-Börger,

was haben die Straßenumbenennungen und die Masematte gemeinsam? Sie sorgen für Kontroversen und Aufregung und werden hochemotional diskutiert. Warum? Weil es dabei ans Eingemachte geht. Nicht um Omas Weckgläser, die im Keller vor sich hin stauben, sondern es geht um das, was uns im Innersten bewegt und zusammenhält. Es geht um unsere Identität. Nicht nur als einzelne Personen, sondern auch in der Gemeinschaft. Also auch als Nachbarschaft, als Bürgerinnen und Bürger eines Viertels in der Stadt Münster.

Mich bewegt die Masematte seit zehn Jahren und vielen Versuchen zum Trotz lässt sie mich nicht los. Ich vergleiche sie gerne mit einem alten, kranken und aus dem Hals stinkenden Hund, der sich vor meine Tür gesetzt hat mit einem Schild um den Hals: Kümmere dich um mich! Und diesen Keilof, wie er auf Masematte heißt, werde ich nicht mehr los.

Jetzt passiert vor meiner Haustür an der Skagerrakstraße etwas anderes. Mit großer Freude stellte ich vor geraumer Zeit fest, dass es zu einer Umbenennung unserer Straßennamen kommen soll.

Ich hoffte als Erstes, dass das Buchstabieren auf die Frage „Ska… was? Wie schreibt sich das?“ endlich ein Ende hat. Und das anstrengende Erklären auf die Nachfrage: „Skagerrak? Was soll das sein?“. Denn meine Scham als Kriegsenkelin, die in den Sechzigern geboren wurde und deren Eltern beide als junge Menschen bewusst den Krieg erlebt hatten, ist groß.

 


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Meine Standardantwort lautet dann: „Das ist ein Kriegsschauplatz am nördlichsten Zipfel Dänemarks. Dort fand im Ersten Weltkrieg die schlimmste Seeschlacht der Weltgeschichte statt. 9.000 Seeleute starben dort.“ Auf diesen Dialog, den ich nach den dreißig Jahren, die ich hier wohne, zigfach führte, folgte zumeist verständnisloses Kopfschütteln.

Auch ich übte mich in verständnislosem Kopfschütteln, als in meiner Nachbarschaft eine Bürgerinitiative entstand, die bewirken wollte, dass die Straßennamen bleiben. Ich frage mich bis heute, was diese Menschen bewegt, Straßennamen beibehalten zu wollen, die eindeutig und nachgewiesenermaßen von den Nationalsozialisten 1937 als Propaganda und zur Motivation junger Menschen dienten, die für einen erneuten Krieg als Kanonenfutter gebraucht wurden.

Fakt ist, dass die Stadt Münster seit 1947 von den britischen Alliierten im Rahmen der Entnazifizierung die Aufgabe hat, diese Namen zu ändern. Bis heute ist nichts passiert.

Die Umbenennungen sind also kein Luxusproblem und eine unnötige Verschwendung von Steuergeldern, sondern eine längst überfällige Maßnahme. Der Beschluss dazu wurde von demokratisch gewählten Gremien der Stadt Münster gefasst und nicht, wie vielfach behauptet, über die Köpfe der Bürger hinweg. In unserem Land bestimmen nicht die jeweiligen Anwohner über die Straßennamen, sondern gemäß ihrer Satzung die Kommunen.

Straßennamen, so die Richtlinien unserer Stadt, sollen die Identität, bestehend aus den Werten ihrer Stadtgesellschaft, widerspiegeln. Straßennamen, die auf Stadtkarten, Navis und Straßenschildern angezeigt werden, sind demnach definitiv keine Denkmäler oder Mahnmale, die zur Auseinandersetzung mit der Geschichte animieren sollen. Oder googeln Sie den Namensgeber einer Straße sicherheitshalber auf seine Political Correctness, wenn Sie ihn in Ihr Navi eingegeben haben?

Aber googeln wir doch heute mal die sogenannten „Kriegshelden“ der Nationalsozialisten. Heute ist der letzte Sonntag vor Weihnachten, da haben wir ein bisschen Zeit. Packen wir die vermeintlichen Geschenke, die uns Hitlers totalitärer Staat hinterlassen hat, doch mal sorgfältig aus:

Geschenk Nr. 1: Admiral Spee

Maximilian von Spee starb im Dezember 1914, also nur ein paar Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs, auf seinem untergehenden Schiff, der Scharnhorst (sic!) bei einem Seegefecht um die Falklandinseln. Zusammen mit 2.200 Marinesoldaten. Seine beiden Söhne Otto und Heinrich starben bei derselben Schlacht auf den beiden Schwesternschiffen. 1937 wurde nicht nur von den Nazis eine Straße in Münsters Osten nach Maximilian von Spee benannt, sondern auch ein neues Panzerschiff, die „Admiral Graf von Spee“.

Dieses Schiff versenkte sich bei einem Einsatz vor Uruguay aufgrund von Fehlinformationen im Dezember 1939 selbst. Der Kapitän nahm sich kurz danach das Leben. Seit 2006 berichtet der „Spiegel” immer wieder von einer Kontroverse um die Bergung eines fast 400 Kilogramm schweren Bronze-Adlers mit Hakenkreuz vor der Küste Uruguays, der zum Wrack der „Admiral-Graf von Spee“ gehört. 2023 kommt dann die Information, dass aus dem Plan, daraus eine Friedenstaube zu gießen, nichts werde.

Es scheint nicht nur in Münsters Mauritzviertel schwer zu sein, sich von den Symbolen der Schreckensherrschaft der Nazis zu trennen, es ist ein weltweites Phänomen.

Geschenk 2: Admiral Scheer

Reinhard Scheer war ein Admiral im Ersten Weltkrieg, der die Hochseeflotte im Mai 1916 in die schlimmste Seeschlacht der Weltgeschichte führte. Die fand am Skagerrak statt, der nördlichsten Spitze Dänemarks – dort, wo sich Nord- und Ostsee treffen.

Bei diesem Gefecht kamen circa 9.000 Marinesoldaten ums Leben. Nach dieser Schlacht war klar, dass der Gegner übermächtig und der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. 1916. Zwei Jahre vor dem tatsächlichen Kriegsende 1918.

Reinhard Scheer überlebte die Schlacht am Skagerrak und zog sich mit den Überlebenden in den Heimathafen nach Kiel zurück. Er sprach sich dafür aus, zukünftig besser ausschließlich einen U-Boot-Krieg zu führen. 1917 spielte Scheer dann als verantwortlicher Kommandant beim Matrosenaufstand eine entscheidende Rolle.

Der Heizer Albin Köbis hielt eine flammende Rede gegen den Krieg, weil die Matrosen dessen Sinnlosigkeit satt hatten und das Volk litt. Scheer veranlasste die Hinrichtung von Albin Köbis und einem weiteren Matrosen. Nach damaligem Kriegsrecht war das nicht rechtens, denn nur Personen, die einen kompletten politischen Umsturz des Reiches hätten herbeiführen können, wurden hingerichtet. Köbis und sein Gefährte wurden eigens für ihre Hinrichtung von Kiel nach Köln gebracht, wo sein Grab noch heute auf einem Militärfriedhof zu finden ist.

Nebenbei bemerkt stellen sich mir und dem räudigen Keilof namens Masematte, der zu meinen Füßen liegt, die Nackenhaare hoch (und er beginnt böse zu knurren), wenn ich Wörter wie Kriegshelden, Kriegsrecht oder Kriegsverbrechen benutze, denn mal ehrlich, was hat Krieg mit Recht zu tun? Und ist Krieg nicht immer schon grundsätzlich ein Verbrechen? Ganz zu schweigen von seinen Helden.

Geschenk 3: Skagerrak

Die dänische Regierung hat am Skagerrak hundert Jahre nach der Schlacht im Jahr 2016 aus eigenen Mitteln den verstorbenen Seeleuten ein Denkmal setzen lassen.

240 Felsen symbolisieren die untergegangenen Schiffe, 9.000 weiße Holzfiguren die verstorbenen Soldaten. Vielleicht haben Sie das Denkmal schon einmal besucht oder planen es für den nächsten Dänemarkurlaub ein? Es muss beeindruckend sein. Dänemark, das an der Schlacht am Skagerrak nicht beteiligt war, initiierte und finanzierte dieses monumentale Kunstwerk am Strand zwischen Ost- und Nordsee. Weil sie sich als Europäer fühlen und weil es egal ist, ob Engländer, Deutsche oder Dänen gestorben sind. Es waren Menschen. Das ist ein Umgang mit Geschehnissen aus der Geschichte, den ich nur befürworten kann.

Geschenk 4: Otto Weddigen

Otto Weddigen war ein U-Boot-Kommandant, der 1914 mit einem U-Boot drei veraltete britische Kriegsschiffe samt ihrer Besatzung versenkte. 1.500 englische Seeleute starben bei diesem Einsatz, 800 konnten von einem britischen Fischerboot und niederländischen Passagierschiff gerettet werden. Die Engländer hielten das U-Boot für ein Stück Treibholz.

Otto Weddigen versenkte, ohne das Völkerrecht zu beachten, drei Monate später drei Handelsschiffe. Dazu gab ihm das Kaiserreich ausdrücklich die Erlaubnis. Nachdem er in der Irischen See weitere vier Schiffe versenkt hatte, nahm die mörderische Fahrt ein Ende, sein U-Boot wurde versenkt.

(Das Spiel „Schiffe versenken“ bekommt da einen ganz üblen Beigeschmack, den auch mein Keilof zum Kotzen findet.)

„Otto soll bleiben“ stand Mitte Juli auf den roten Herzluftballons, die oben an dem Straßenschild gegenüber meines Wohnhauses befestigt waren. Zwei Nächte zuvor hatten Unbekannte mit roter Farbe Hakenkreuze auf Garagentüren und Autos der Anwohner der Otto-Weddigen Straße geschmiert.

Beides zeigt, wie inadäquat die Kontroverse um die Straßennamen ausufern kann. Offensichtlich ist die Konservierung von Dingen, die ihr Verfallsdatum lange überschritten haben, eine hochemotionale Angelegenheit.

Die Bürgerinitiative hat in diesem Sommer keine Mühen gescheut und fleißig Unterschriften gesammelt, um eine Umbenennung zu verhindern. Wie richtige Aktivisten trugen sie T-Shirts mit Aufdrucken, hatten Schilder in der Hand und besuchten die Ratssitzungen. Die Adresse der Bürgerinitiative, die im Impressum der Website aufzufinden ist, befindet sich in direkter Nachbarschaft. Es ist der Prinzipalmarkt 13/14. Da war der Weg nicht weit.

Voller Stolz wurden Anfang Oktober die 8.000 gesammelten Unterschriften überreicht. Nach deren Prüfung stellte sich heraus, dass ein Viertel der Unterschriften ungültig war. 6.000 reichten aber für einen Bürgerentscheid. In den sozialen Medien erklärt die Bürgerinitiative das so: Man musste ja sozusagen die Menschen davon abhalten zu unterschreiben, weil sie gar nicht im Viertel wohnten und trotzdem unbedingt unterschreiben wollten.

 


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Nun war der Schrecken am 11. November groß: Das Bürgerbegehren führt tatsächlich zu einem Bürgerentscheid, der am 8. Februar 2026 in Münster stattfinden wird. Alle, die im Bezirk Mitte wohnen und 16 Jahre und älter sind, dürfen nun ähnlich wie bei einer Kommunalwahl entscheiden, ob die Namen beibehalten werden sollen oder ob, wie Rat und Bezirksvertretungen es demokratisch bestimmt haben, neue Namen gebraucht werden.

Der Versand der Wahlbenachrichtigungen beginnt am 12. Januar, wie die Stadt Münster mitteilt. Gut informiert werden Sie dazu auf den Seiten der Stadt Münster.

Haben Sie schon die vierte Kerze vom Adventskranz auf dem Frühstückstisch entzündet? Heute ist der letzte Sonntag vor Weihnachten, bald kommen die Kinder und Enkelkinder, die nicht mehr in Münster wohnen, nach Hause.

Rollkoffer klappern über die Bürgersteige und in Münster brodelt es vor Wiedersehensfreude. Ehemalige Schulfreunde feiern. Die Cafés sind proppenvoll, der Wochenmarkt auf dem Domplatz ist noch trubeliger als gewöhnlich. Oder sind Ihre Lieben schon da? Haben Sie die Großeltern zu Besuch oderfahren Sie hin? Oder atmen Sie – wie ich es in diesem Jahr darf – vor dem Ansturm noch einmal durch?

Ich wünsche mir heute von Ihnen, liebe RUMS-Leser:innen, dass Sie sich mit ihren Lieben Gedanken machen, welche neuen Namen die alten ablösen könnten.

Fragen Sie sich und Ihre Freunde, Bekannten und Nachbarn, welche neuen Straßennamen Ihnen gefallen würden. Dafür gibt es ein paar Kriterien. Falls es Personen sind, müssen diese zehn Jahre tot sein, also Margot-Friedländer-Weg ginge nicht.

Vornehmlich sollen Frauen mit Straßennamen geehrt werden, denn Männernamen haben wir prozentual sehr viele. Man kann aber auch geographische Orte nehmen. Wie wäre es mit Orten, die für den Friedenserhalt wichtig sind? Oder für ein geeintes Europa stehen? Gibt es Musikerinnen, Ärztinnen, Juristinnen, Forscherinnen oder Sportlerinnen, die den freien und friedlichen Geist Münsters geprägt haben?

Suchen Sie, stöbern Sie, diskutieren Sie und bitte schicken Sie mir hier in den Kommentaren oder der Bezirksvertretung-Mitte direkt Ihre Vorschläge. Nutzen wir unsere Möglichkeiten, Dankbarkeit dafür zu zeigen, dass wir in einem demokratischen System leben und immer eine Wahl haben, uns für die Symbole und Werte eines friedlichen Miteinanders zu entscheiden. Machen wir was draus.

In diesem Sinne, kreative Weihnachten!

Marion Lohoff-Börger

PS

Jetzt kümmere ich mich wieder um den alten Hund und werde in meiner nächsten Kolumne im neuen Jahr Spannendes darüber berichten, was wir alles in Münster beim Gassigehen erlebt haben (Bei Fuß Keilof, nicht an das Straßenschild pinkeln!)

 


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Porträt von Marion Lohoff-Börger

 

Marion Lohoff-Börger

… ist die Frau mit der Masematte und den alten Schreibmaschinen. Auf letzteren schreibt sie Gedichte und verkauft diese in ihrem Atelier an der Wolbecker Straße 105 als Postkarten. Die Masematte möchte die freie Autorin in Münster zu einem lebendigen Sprachdenkmal machen und versucht, dieses mit Kursen, Vorträgen, Lesungen, Büchern und Artikeln für Zeitungen und Onlinemagazine umzusetzen. 2021 stellte sie beim Land Nordrhein-Westfalen den Antrag „Masematte als Immaterielles Kulturerbe“, der abgelehnt wurde mit dem Hinweis, die Stadtgesellschaft Münster müsse sich noch mehr für dieses Kulturgut engagieren.

Die Kolumne

Immer sonntags schicken wir Ihnen eine Kolumne. Das sind Texte, in denen unsere acht Kolumnistinnen und Kolumnisten Themen analysieren, bewerten und kommentieren. Die Texte geben ihre eigene Meinung wieder, nicht die der Redaktion. Mitgliedschaften in politischen Parteien oder Organisationen machen wir transparent. Wenn Sie zu den Themen der Kolumnen andere Meinungen haben, schreiben Sie uns gern. Wenn Sie möchten, veröffentlichen wir Ihre Zuschrift im RUMS-Brief. Wenn Sie in unseren Texten Fehler finden, freuen wir uns über Hinweise. Die Korrekturen veröffentlichen wir ebenfalls im RUMS-Brief.

 

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bei der rums Die RUMS-Kolumne mit Marion Lohoff-Börger | Admiral-Scheer-Straße? Warum nicht: An der Öle? | RUMS

Warum nicht „An der Öle“ statt „Admiral-Scheer-Straße“?

Die Sonntagskolumne von Marion Lohoff-Börger 

An der Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit dem Gebrauch von Worten und Begriffen ihrer Sprache umgeht, kann man einiges über den Umgang mit ihrem geschichtlichen Erbe ablesen.

Um diese These für die Stadtgesellschaft Münsters zu verifizieren, möchte ich zwei Dinge zusammenbringen: zum einen die Debatte um Umbenennung der Straßennamen in Münster Mauritz und zum anderen den Umgang mit der Masematte.

Ich wohne sei fast dreißig Jahren „auf Mauritz“, einem  schicken Viertel in Münsters Osten. Ich bin aber nicht stolz darauf und betone immer, dass es dort tatsächlich auch bezahlbare Wohnungen gibt, zum Beispiel an der Skagerrakstraße, wo ich lebe. Die Straße wurde nach der größten Seeschlacht im der Weltgeschichte am Skagerrak, den nördlichsten Zipfel von Dänemark von den Nationalsozialisten so benannt. Bei dieser Schlacht starben 9000 Menschen.  Ich wohne in einer Mietswohnung in einem Häuserblock an dessen Balkonen zur Straße hin sichtbar die Jahreszahl 1937 in die Balkongitter eingearbeitet ist, was Rückschlüsse auf seine Erbauung während des Nationalsozialismus zulässt. Die Wohnungen sind ursprünglich für die Familien der hohen Militärs der Manfred-von Richthofen Kaserne erbaut worden, inklusive Mansardenzimmer unter dem Dach für die Hausmädchen.  Nicht nur die Bauweise deutet auf Aktivitäten der Nationalsozialisten hin, auch die Straßennamen in der Umgebung, wie Skagerrakstraße, Otto-Weddigen-Straße, Admiral-Scheer-Straße und Admiral-Spee-Straße. Sie sind allesamt zu Propagandazwecken und Kriegsverherrlichung entstanden und sollten eigentlich schon 1947 laut Erlass der britischen Besatzer umbenannt werden (https://www.stadt-muenster.de/strassennamen/geschichte-der-strassenumbenennungen).  Die Bezirksvertretung Mitte beantragte beim Rat eine Umbenennung, weil es im öffentlichen Interesse sei, „keine Straßennamen, keine Personen und Orte zu würdigen, die den Werten der Demokratie widersprechen.“ Der Rat stimmte zu. Doch mit einem Bürgerbegehren versucht die „Bürgerinitiative für Münsters Straßen“, die demokratisch und historisch wissenschaftlich fundiert getroffene Entscheidung aufzuheben. Ihre Mitglieder stehen samstags vorm Rewe und vorm Aldi und sammeln eifrig  Unterschriften, um eine Umbenennung zu verhindern. Für Diskussionen und kritischen Anfragen zwischen Klemmbrett und Einkaufswagen bleibt da keine Zeit https://www.stoppt-umbenennungen.de/. Ich persönlich hoffe, dass dieses Bürgerbegehren zu einem Eigentor der Initiative wird, denn dürfen erst alle im Viertel abstimmen, dann tun das auch die vielen Mieter:innen und Anwohner:innen, die sich wie ich für ihre Straßennamen schämen, wenn der Besuch aus Spanien, die Freundin aus Sri Lanka und der Kollege aus Syrien fragen, wer denn dieser Otto Weddigen oder dieser Admiral Scheer  gewesen sei. Peinlich für uns Anwohner, weil die Stadt Münster mit ihren Straßennamen immer noch Menschen verehrt, die an dem Tod von tausenden Seeleuten eine Mitschuld tragen. https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Scheer#:~:text=Carl%20Friedrich%20Heinrich%20Reinhard%20Scheer,gr%C3%B6%C3%9Ften%20Seeschlachten%20der%20Geschichte%2C%20kommandierte . Und ja, ich identifiziere mich mit meiner Stadt, meinem Umfeld, meiner Nachbarschaft. Ich bin Teil davon und ja ich identifiziere mich auch mit ihren Aushängeschildern, ihren Straßennamen. Und nein, es ist mir nicht egal, wenn vor 115 Jahren 9000 Seeleute den Tod fanden und 20 Jahre später die Nationalsozialisten die Männer, die dafür mitverantwortlich waren, zu Propagandazwecken für einen neuen Krieg funktionalisierten.

Was für Rückschlüsse lässt das auf uns Münsteraner:innen zu, wenn wir zeigen, dass wir seit 1947 unsere Hausaufgaben in Sachen Straßenumbenennungen nicht gemacht haben? Ein Argument für die Beibehaltung der Straßennamen höre ich in Gesprächen immer wieder: Die Leute sind es müde, sich immer wieder diesen Umbenennungsdiskussionen zu stellen. Sind wir einfach zu müde oder zu faul geworden? Und laufen wir mit dieser Faulheit oder Ignoranz nicht Gefahr antidemokratischen Kräften in unserer Gesellschaft Tür und Tor zu öffnen?

Mit der Masematte, einer Sondersprache, deren ursprüngliche Sprecher:innengruppe mit dem Holocaust vernichtet wurde, weil ihre Sprecher:innen jüdischer Abstammung, Sinti:zze- und Romn:ja  oder sogenannte Asoziale waren, zeigt sich Münsters Stadtgesellschaft  ein weiteres Mal mehr von ihrer Seite, die Geschichte ihrer Vorfahren nur rudimentär oder gar nicht aufzuarbeiten. Auch bei der heißgeliebten Sondersprache geht es wieder um das Entwickeln und Wahren von Identitäten. Allerdinges ein wenig beliebig, je nach den aktuellen Bedürfnissen der Nutzer:innen der Masematte.  Viele Bürgerinnen und Bürger Münsters kennen zwar einige Begriffe und wissen auch, dass sie der  Masematte zugehörig sind, aber Kenntnisse über die Herkunft der Wörter wie jovel, schofel und Leeze ist dem Großteil unbekannt. Und eine gängige Erklärung, die gefühlt jede:r zweite vertritt und die besagt, dass es sich bei der Masematte um eine Gaunersprache jüdischer Viehhändler handle, ist schlichtweg antisemitisch. Masemattebegriffe werden, ohne den historischen wie etymologischen Hintergrund zu recherchieren, für alle möglichen Produkte oder Werbekampagnen eingesetzt.  Pimpt man eine Bierflasche, ein Brot oder einen Schnaps mit einem Masemattewort auf, ist die Wahrscheinlichkeit, es gut zu verkaufen, größer. weil das ja schließlich zum positiven Münsterfeeling gehört. Dass wir die Sprache mit ihren Sprecher:innen durch die Nationalsozialisten verloren haben, scheint auch niemanden zu stören, wenn die Sprache im Karneval oder anderen kulturellen Bereichen verballhornt wird. Sag einfach: „Wat is dat schofel mit der Leeze zu peseln, wenn es in Münster meimelt“ und der Saal lacht. Nicht weil es ein guter Witz ist, sondern, weil sich allein der Klang der Sprache in den Ohren deiner Zuhörer:innen lustig anhört. Studierende, die von außerhalb zu mir kommen, um sich über die Masematte schlau zu machen, sind entsetzt über diesen Umgang. Mein Fazit: In Sachen Masematte hat die münstersche Stadtgesellschaft auch noch eine Menge Hausaufgaben zu machen, da reicht es nicht, sie als immaterielles Kulturerbe herauszuputzen. https://www.rums.ms/newsletter/kolumnen/2024-06-02-lohoff-boerger/ .

Darin sehe ich eine Parallele zu der Straßennamenumbennungsdebatte (was für ein Wort übrigens!!!! Das eignet sich sicher super für das nächste stille Post Spielen in den Kitas auf Mauritz!)

Kleiner Schlenker! Nun werde ich kreativ: Wie könnten denn die Straßen heißen, wenn die alten Namen wegmüssen? Wir brauchen ja neue Straßennamen und ich als Anwohnerin bin prädestiniert, mir welche auszudenken.

Mit meinen rudimentären Masematte-Kenntnissen schlage ich vor, die Admiral-Scheer Straße, die direkt zum Kanal führt „An der Öle“ zu nennen. Öle ist das Wort auf Masematte für den Kanal, aufgrund seines Aussehens und Geruchs von vor hundertfünfzig Jahren. Sie lachen? Es geht noch witziger: Die Gorch-Fock-Straße können wir dann gleich in „Pünten-Weg“ umbenennen, denn die Pünte ist das Schiff auf Masematte. Die Skagerrakstraße, so meine Idee, wäre dann die „Große – Pani- Strehle“, weil sich am Skagerrak dem nördlichsten Zipfel Dänemarks die Ostsee und die Nordsee treffen. Oder noch besser „Pallemachonen-Machullenkamp“!! Das wäre dann der Soldatenfriedhof. Das kann doch nicht ernst gemeint sein, Frau Lohoff-Börger, sagen Sie jetzt? Das klingt so lächerlich! Da fühlt sich keiner ernstgenommen, wenn die Straßennamen ironisch und witzig klingen. Und was hat das feine Mauritz mit Masematte zu tun?  Oder?

Wie wäre es denn dann damit, die Otto-Weddigen-Straße in die Siegfried-Weinberg-Straße umzubenennen? Siegfried Weinberg  war Münsteraner und wurde 1942 ins Ghetto nach Riga verschleppt, konnte flüchten und geriet dann nach Kriegsende 1945 in russische Gefangenschaft, wo er jahrelang in Sibirien in einem Arbeitslager interniert war. Als er zurückkam, wanderte er zu seinen Geschwistern in die USA aus. Sein Bruder Walter hatte es 1938 rechtzeitig geschafft zu flüchten, starb aber dann als Soldat für die US-Army, bei dem Versuch, Frankreich von den Nazis zu befreien. Er war Pilot und sein Flugzeug wurde abgeschossen.  Walter und Siegfried wuchsen an der Sonnenstraße in Münster auf und waren Söhne des jüdischen Altwarenhändlers Weinberg und seiner Frau. Die sind 1944 in Theresienstadt umgekommen. Gut, dann nehmen wir für die Admiral-Spee Straße „Walter-Weinberg-Straße“. Aber, oh Schreck das entspricht ja nicht den Kriterien der Stadt Münster!  Dazu empfehle ich: https://www.stadt-muenster.de/fileadmin/user_upload/stadt-muenster/Strassennamen/pdf/Anlage_1_Leitlinien_V0247-2024_mit_AEA.pdf oder https://gruene-muenster.de/2025/fakten-statt-emotionen-wissenswertes-zu-den-strassenumbenennungen-in-muenster-mitte/ zu lesen.

Denn  jetzt habe ich ja gar nicht daran gedacht, dass man in Münster bevorzugt Frauen mit Straßenneubenennungen ehren will. Weibliche Straßennamen gibt es ja viel zu wenige. Ach, nee, immer diese nervigen Frauenquoten! Vorschlag meinerseits: Ehren wir doch Gisela Möllenhoff oder Rita Schlautmann-Overmeyer. Kennen Sie nicht? Und allein, das reicht nicht, um zu widersprechen, denn es wäre noch einzuwenden, dass Doppelnamen immer so lang und sperrig sind. Man kann sie sich nicht merken und man braucht mindestens zwei Adresszeilen bei der Post und im Ausweis etc. nur für den Straßennamen. Ein No-Go! Aber lesen Sie weiter: Frau Möllenhoff und Frau Schlautmann-Overmeyer haben sich die Mühe gemacht, jedes einzelne traurig wie tragische Schicksal von Holocaustopfern aus Münster zu recherchieren und in einem Buch namens „Jüdische Familien in Münster. 1918 – 1945, Biographisches Lexikon“, erschienen bei „Westfälisches Dampfboot“, 1989 herauszubringen. Kann jeder von Ihnen reingucken, steht in der Stadtbücherei Stadt Münster: Stadtbücherei - Stadtbücherei Münster - Startseite . Die Leistung dieser beiden Frauen kann gar nicht hoch genug gewürdigt werden. Doch nein, auch Fehlanzeige, denn Menschen können erst zehn Jahre nach ihrem Tod mit einem Straßennamen geehrt werden. Hm, da gibt es noch die Hedwig Weinberg, eine Schwester von Siegfried und Walter. Sie wurde als Pflegerin für ihre gelähmte Mutter direkt mit nach Theresienstadt deportiert. Die Mutter starb dort nach kurzer Zeit, Hedwig kehrte 1945 nach Münster zurück und wanderte zu ihren Geschwistern in die USA aus.

Und um auf meine vermeintlichen Albernheiten mit den Masemattewörtern als Straßennamen  zurückzukommen. Es sind wir, die mit der Masematte etwas Lustiges verbinden und die Wörter amüsant finden. Das sind unsere erlernten Zuschreibungen und Konnotationen, die durch den Missbrauch der Masematte in Unterhaltung und Kommerz in Münster entstanden sind. Wie schon erwähnt: Fallen die ersten drei Masematte Wörter bei meinen Lesungen und Vorträgen, lacht der Saal. Erzähle ich später die Geschichte der Familie Weinberg aus der Sonnenstraße, die mit Sicherheit Masematte gesprochen hat, sind es keine Lachtränen mehr, die man sich aus den Augenwinkeln wischt.

Wie gehen wir in Münster mit unserem historischen Erbe um? Das ist die Frage, zu der ich heute zum Nachdenken anregen möchte. Mir erscheint es nach meinen Erfahrungen in Sachen Straßennamenumbenennungen in meinem Viertel und der jahrelangen Beschäftigung mit der Masematte, als recht bequeme Herangehensweise, um es euphemistisch auszudrücken. Alles soll so bleiben wie es ist! Kennen Sie die Werbung im Fernsehen, wo sich eine Frau auf einer weißen Yacht räkelt und genüsslich ein Raffaello in ihren Mund steckt? Daran erinnert mich das Verhalten der Münsteraner:innen: Wir, die privilegierten, liberalen Münsteraner:innen mögen das Angenehme, das Leichte, das Schöne und Heitere in und an Münster, deswegen sind wir ja auch so stolz darauf, dass man Münster mal als die lebenswertestes Stadt der Welt betitelte. Aber war und ist sie das wirklich? Oder müffelt es nicht gehörig nach Öle, Püntendiesel und Machullenkamp  an einigen Ecken?

 

Marion Lohoff-Börger, im Juli 2025

 

 

 


Karius und Baktus auf Masematte

rums Kolumne von Marion Lohoff-Börger 

im Mai 25

 

neulich saß ich im Wartezimmer beim Zahnarzt und musste mir die Zeit vertreiben. In einem bunten Holzregal standen Bilderbücher für die kleinen Patienten bereit und ich griff mir „Karius und Baktus“ von Thorbjörn Egner. Das Buch zeigte mir vor Jahrzehnten und vielen anderen Kindern danach eindrucksvoll und amüsant, wie wichtig Zähneputzen sei. Ein Titel, der übrigens zum ersten Mal 1949 in Schweden erschien.

Weil es meine Angewohnheit ist, Texte auf ihre Übersetzungsmöglichkeit hinsichtlich der Masematte zu prüfen, fiel mir beim Lesen auf, dass sich diese Geschichte hervorragend eignet. Viele Wörter der Erzählung lassen sich einfach und direkt in die aktuell nur 600 Wörter zählende Sprache übertragen. Im zweiten Durchgang kam die Idee, aus dem Text eine politisch-satirische Parabel zu machen. Ich verpasste Karius und Baktus zwei neue Vornamen. Und aus dem Jungen Jens wurde BeRnD.  So einfach.  Masematte, so eigentlich grundsätzlich mein Credo, sollte nicht zur Unterhaltung dienen, aber eine Satire passt perfekt zu dieser rotzigen und anarchistischen Sprache der kleinen Leute von der Straße.  

 

Keine Sorge, was das Verständnis angeht: Die Ihnen womöglich unbekannten Wörter sind immer direkt im Text übersetzt.

 

 

Aefdelius Karius und Nazius Baktus

 

Eine Parabel auf Masematte zur politischen Situation  

 

Es war einmal ein Koten und dat war der BeRnD. Der hatte seit vielen Jahren jovle und gesunde Heiers im Jöl, Zähne im Mund.

Aber BeRnD hatte in einem Heier ein Loch, und in dem Loch wohnten zwei ticknoe Strigos, kleine miese Typen, die hießen Aefdelius Karius und Nazius Baktus.

Die beiden waren nerbelo, verrückt, und am Anfang so tickno, dat man sie nur mit einem dicken Dollarroiner, einer Brille, kneistern konnte.

Sie achilten, aßen, gerne Süßigkeiten. Davon gab es bei BeRnD im Jöl genug.

Sie schallerten und hatten hamel Jontev, sie sangen und hatten viel Spaß, und wenn sie nicht pooften, schliefen, oder frengelten, aßen, dann malochten sie im Heier. Sie wollten ihr Beis, ihr Haus, groß und jovel makeimen.

Aefdelius schmuste zu Nazius:

„Nazius, wir haben hamel malocht. Jetzt ist dat Beis fertig.“

Aber Nazius war dagegen.

„Wir müssen noch hamel mehr malochen und bauen“, schmuste er. „Wir werden jeden Tag größer und schummer, dicker, weil wir so viel zum Frengeln bewirchen, bekommen. Hau rein, wir malochen weiter, Aefdelius.“

„Maschemau, dann hauen wir jetzt ömmes rein!“, antwortete Nazius.

Dann wurde Aefdelius aber doch marole, müde, und malochte lahmsch, langsam. Er kneisterte aus der Fenete, er sah aus dem Fenster, und als er die anderen weißen Heiers kneisterte, verdollewinierte er sich wat, da kam ihm eine Idee.

„Du, Nazius“, schmuste er, „wir könnten uns doch ein zweites Beis da oben im Eck-Heier bauen. Da ist dat hamel jovel als ambach, hier im finsteren Loch.“

„Du solltest lieber deinen Schero, deinen Kopf, benutzen, du Seegers. Ambach ist dat jovel, hier kommt die Heiers-Bürste nicht hin“, sagte Nazius.

„Dat muckert uns doch nichts“, antwortete Aefdelius, „BeRnD putzt doch nie seine Heiers.“

„Wenn du meinst, dann bau dir ein Beis im Eck-Heier. Ich bleibe hier unten“, antwortete Nazius.

Aefdelius Karius sinnierte vor sich hin und schmuste:

„Wenn wir ambach noch mehr werden, und alle Heiers zu unseren Beis‘ geworden sind, dann kann ich der Obermacker, seine Majestät Aefdelius Karius der Erste sein und auf dat ganze Mochum herunterkneistern. Dann bin ich der König und kann auf die ganze Stadt herunterblicken.“

Nazius  gab zu bedenken, dass es nicht sicher sei, dass sie viele würden, nur wenn sie genug Süßigkeiten bekämen.

Aefdelius wusste es besser: „Wir bewirchen so viel Süßigkeiten, datt wir beinahe platzen!“

„Maschemau, oh je“, antwortete Nazius, „denk an die Zeit, als BeRnD immer nur Mispelfinger und schwarzes Maro achilte, Möhren und Schwarzbrot aß. Dat war schofel, da wären wir fast vor Row mulo gegangen, da wären wir fast am Hunger gestorben.“

„Maschemau, pass auf! Da kommt wieder Nachschub!“

Und ömmes, ein jovler Bissen Butterkuchen schob sich ins Jöl von BeRnD.

„Jovelino, jovelissimo! Mega super cool“, krajöhlten die Strigos. „Da ist hamel Zucker drauf!“

 

Zwei Tage später

 

Den Strigos ging es jovel, aber BeRnD nicht, denn die schoflen Lapanenmalocher, gemeinen Bauarbeiter, makeimten seine Heiers marode, sie machten seine Zähne kaputt. Und es tat BeRnD soooooo weh. Heiers-Schmerzen sind dat schofelste, wat es gibt.

Aefdelius Karius hatte sein Haus im Eckzahn gebaut und ließ es sich jovel gehen. Nazius Baktus  malochte mit seinem Mottek, dem Hammer, unten im seinem Beis im Backenzahn weiter.

„Wat machst du?“, krajöhlte Aefdelius zu Nazius runter.

„Ich baue einen unterirdischen Gang zum nächsten Heier!“, krajöhlte der zurück.

„Jovel“, lobte Aefdelius „Ich genieße die Aussicht auf die hamel vielen Berge, die noch zu meinen Beis‘ werden.“

Plötzlich hörten sie wie BeRnD „Auaaaaa, auaaaaaa, ich habe Heier-Schmerzen!“, krajöhlte und am Plannigen war. BeRnD weinte.

Nazius hämmerte jetzt erst recht mit seinem Mottek los und das Gejammer von BeRnD wurde lauter.

„Du musst deine Heiers putzen, BeRnD“, schmuste seine Mutter.

Nazius und Aefdelius bekamen einen Schreck.

„Neeeeeein“, krajöhlten sie. „Höre nicht auf deine Alsche, die Mutter ist dumm. Dat ist Tinneff, Quatsch! Wir sind deine wahren Freunde!“

Aber BeRnD hörte sie nicht und kurz darauf kam die schofle Heiers-Bürste in dat Jöl von BeRnD. Überall roch es schofel nach Pfefferminz und dann spülte BeRnD sein Jöl auch noch mit Pani, mit Wasser, aus.

Aefdelius konnte noch tacko zu Nazius in den Backenzahn flüchten, sonst wäre er rausgeflogen.

Die Strigos hatten es für heute überstanden, dat fanden die jovel, aber schofel war, datt ihre ganzen Vorräte an Frengel und Achile plete waren, einfach weg!

 

Am nächsten Tag

 

Neuer Tag, neuer Massel, so dachten die Strigos.  Aefdelius und Nazius gaben nicht auf. Sie malochten, ömmes bekane, klarer Fall, am nächsten Tag weiter.

Aefdelius und sein Freund Nazius hatten nämlich hamel Rochus, große Wut, weil sie nichts zum Frengeln hatten und trotzdem mit ihren Motteks malochen mussten.

„Wir könnten BeRnD ganz lieb schmusen, datt wir Butterkuchen brauchen. Dat ist so schofel, dat wir hungern müssen.“

„Der hört nicht auf uns, denk doch an gestern, an seine Alsche. Die muckert alles besser, die schofle Kaline“, schmuste Nazius.

„Psst, mach deine Lauschers auf, Nazius. Ich höre eine fremde Männerstimme. Vielleicht ist das ein Bäcker und wir bekommen endlich Butterkuchen“, schmuste Aefdelius voller Hoffnung.

„Dat wäre jovel …, aber warum wird dat so hell in BeRnDs Jöl? Geht da der Lorenz auf? Geht da die Sonne auf?“

Ömmes, tatsächlich, BeRnD hatte sein Jöl aufgemacht und eine grelle Latüchte leuchtete herein.

„Kannst du wat kneistern?“, fragte Nazius stikum, leise.

„Ja, da ist ein Seegers in einem weißen Kittel. Der hat so silberne Instrumente in der Hand“, antwortete Aefdelius.

„Mascheminusmaschemau! Dat is ein Heier-Schmarrer! Ein Zahnarzt! Dat sind die schofelsten Seegers! Die machen unsere toften Beis‘ marode. Die machen unsere schönen Häuser kaputt.“

„Oh, Nazius, ich hege hamel More, ich habe große Angst. Was brummt denn da jetzt so?“

„Das ist ein Bohrer!“ Nazius flüsterte nur noch und dann schmuste er: „Komm, Aefdelius, wir müssen uns in meinem Beis verkalliboren, verstecken. Böschen wir tickno plete. Hauen wir schnell ab.“

Von Nazius‘ Beis aus konnten sie kneistern, wie der Heier-Schmarrer all ihre jovlen Beiskes marode makeimte, alles kaputt machte. Sie hegten so hamel Rochus, waren so wütend, und wollten sich wehren, aber der Heiers-Schmarrer mit seinem Bohrer war einfach stärker.

Als der dann auch noch hamel mit Pani in BeRnDs Jöl rumspritzte und spülte, wären die beiden Strigos fast angefangen zu plannigen, zu weinen.

„Wie schofel der ist, der macht alles marode, was wir fertigmalocht haben. Dat war so eine Wullackerei So eine Schofeligkeit, Gemeinheit!“

Aber alles Krajöhlen nützte nix, sie hatten ihre Heimat verloren.

Sie hofften noch auf Butterkuchen am Abend, aber statt dessen kam die schofle Heiers-Bürste wieder in BeRnDs Jöl. Die Strigos Aefdelius und Nazius waren vor lauter Row, Hunger, ganz schwach und hatten kein Beis mehr in dem sie sich verkalliboren, verstecken, konnten. Sie hatten keine Chance mehr bei BeRnD zu bleiben.

Als BeRnD dann sein Jöl kräftig mit Pani ausspülte, war es um Aefdelius und Nazius geschehen. Sie flogen mit einem Riesenklacks Schaum aus dem Jöl  raus und landeten im Abfluss des Waschbeckens. BeRnD drehte den Wasserhahn auf …

Die Strigos hörten noch, wie BeRnD schmuste: „Nie wieder Nazius und Aefdelius!“ und dann waren die beiden Strigos, schwupps, plete. Für immer. Hoffentlich.

 

Frei nacherzählt nach Thorbjörn Egner, Karius und Baktus, 7. Auflage, 1976, cbd-verlag,  Originalfassung im Schwedischen von 1949  

 

Marion Lohoff-Börger im Mai 2025

 

 


Masematte Kolumne März 25

Ge-heim-weh-Sprachen:

Masematte und die Sprache der Tiödden – was sie gemeinsam haben und was sie unterscheidet

Oft werde ich gefragt, ob die Tiödden-Sprache im nördlichen Münsterland und die Masematte in Münster nicht ein und dasselbe seien. Bei beiden haben wir es mit besonderen Sprachen zu tun, bei denen fremdklingende Wörter in münsterländisches Platt eingebettet wurden. Da könnte man zugegebenermaßen tatsächlich schon mal auf diese Idee kommen.

Aber nein, die beiden Sprachen haben gar nichts miteinander zu tun, sie sind nicht verwandt oder verschwägert. Die Tiödden-Sprache, oder manchem bekannt als das Humpisch  oder Bargunsch, ist im siebzehnten Jahrhundert durch den Wanderhandel entstanden und somit eine sogenannte Krämersprache. Die Masematte ist im Gegensatz dazu erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in vier kleinen Vierteln in Münster aufgetaucht. Die Tiödden-Sprache wurde von einer homogenen Gruppe von Menschen auf Reisen zum großen Teil aus dem Wortschatz des Plattdeutschen entwickelt und mit Partikeln aus dem Holländischen und anderen romanischen Sprachen  angereichert. Die Masematte ist hingegen eine Meltingpot-Sprache, die sich aus dem Jiddischen, dem Romanes, dem Rotwelschen und Plattdeutschen zusammensetzt. Bei den Tiödden gibt es auch Wörter aus dem Jiddischen oder Romanes, die Anzahl ist aber nicht so hoch wie in der Masematte. Gemeinsam haben beide Sprachen, dass sie nur mündlich gesprochen wurden und erst als sie ihre Funktion verloren hatten, verschriftlicht und später auch erforscht wurden. Beide Sprachen werden als Geheimsprachen betitelt, ob zu Recht oder Unrecht ist diskussionswürdig, wie Sie im Verlauf dieser Kolumne noch sehen werden.

Hier ist ein Beispiel für die Tiödden-Sprache, das ich im Tiödden-Museum im heutigen Haus Telsemeyer, einem Hotel und Restaurant in Mettingen fand. Auf Fensterscheiben wurden Sätze verewigt, die das Tiöddenwesen beschreiben. https://mettingen-tourismus.de/touristik-und-freizeit/museen/tueoettenmuseum/

„Die Tüötten strüchelden, um Buchte te quinten. Mit Strücheln und Klinken lichten met mennige fitze Külter versoimt. In’n Tispel bi’n fitzen Butt wöt de Rödel bequässt.“

Diese Worte stammen von Franz Brenninkmeyer, auch genannt der „lange Franz“ wegen seiner 2,08 m Körpergröße. Franz Brenninkmeyer war der Ur-ur-Enkel der C&A-Begründer Clemens und August Brenninkmeyer. Er wollte die Geheimsprache seiner Väter und Großväter in dem kleinen Mettinger Museum für die Nachwelt erhalten. Dazu später mehr.

Übersetzt heißen die Sätze:

„Die Tüötten reisten, um Geld zu verdienen. Durch Wanderhandel und Hausieren erwarb man manches gute Bett (vermutlich Schlafgelegenheit). Im Gasthaus bei einem guten Essen wurde der Handel besprochen.“

Um direkt den Vergleich mit der Münsterschen Masematte zu haben, wage ich hier meine persönliche Übersetzung:

Die Tüötten böschten durch die Bendine, um Lowi zu bewirchen. Mit dem Strehlen bewirchte man sich ne jovle Firche. Inne Katschemme bei tofter achile wurde über die Masematten  rakawehlt.“

 

„Quäss Humpisch!“ bedeutet „Sprich Humpisch“, auf Masematte hieße das „Laber Masematte!“

„Hutsche flackt!“ bedeutet „Der Kerl stielt!“, auf Masematte „Der Seegers schort!“

„Is dat grüseken sankset?“ heißt „Ist das Mädchen verheiratet?“ auf Masematte würde man fragen: „Is dat Anim vergasselt?“

Anhand dieser Beispiele zeigt sich, dass es in beiden Sprachen kaum Übereinstimmungen gibt. Die Tiödden nahmen größtenteils Wörter aus dem ihnen vertrauten münsterländer Platt, das sie in ihren Heimatdörfern Mettingen, Recke und Hopsten sprachen und verfremdeten diese. Der „lunkebener“  war der Hase, lunke  bedeutet schnell, bener  sind die Beine. Also der „Schnellbeiner“. Häufig gibt es Wortzusammensetzungen mit -hutsche für Mann oder -failer für Macher. Da ist der brügelhutsche, der Arbeiter, der vermutlich Prügel bezog, der krojhutsche, der Schreiber (französisch: crayon). Der roedelhutsche ist der Kaufmann und der tispelhutsche der Wirt. Der fluschenfailer aber ist der Zigarrenmacher und der kassenfailer der Zimmermann.

Schön sind die Eigennamen für Städte in der Tiöddensprache. „Fidel“ ist das niederländische Wort für Stadt und so wurde aus Hamburg Hamfidel, aus Lübeck Lüfidel und Willemfidel war die Bezeichnung für die Hauptstadt Berlin, die Stadt Kaiser Wilhelms.

Dass der Katholizismus streng gelebt wurde, zeichnet sich auch in der Sprache der Tiödden ab: bibeln ist das Wort für Lesen und sankset (lateinisch sanctus) für heiraten, also das Sakrament der Ehe. Die nosterplügge  ist das Gebetbuch (noster von pater noster) und quinten, (also gewinnen im Sinne von Verdienst) hat seine Herkunft vom lateinischen Quintessenz.

Bei den Tiödden findet sich ein ähnlicher Sprachwitz und die Freude mit Sprache zu spielen wie in der Masematte. Auf ihren einsamen Wanderungen von der Bretagne bis zur Ostsee und immer wieder zurück in die Gegend von Mettingen, war das neben der Funktion als Geheimsprache, sicher auch ein schöner Zeitvertreib, der identitätsstiftend wirkte und das Heimweh vertrieb. Es wird in der Literatur gesagt, dass die Tiödden, wenn sie zu Hause im Münsterland bei ihren Familien waren, ihre spezielle Sprache nicht benutzten, weil sie sooooo geheim war, dass nicht einmal die Frauen und Kinder sie hören durften. Ich vermute eher, dass die Tiödden in der Geborgenheit der Höfe ihrer Heimat, diese Sprache einfach nicht mehr brauchten, weil sie sich wohl und sicher fühlten. Aber wer weiß das schon? Und hier sehe ich mit meinen Erkenntnissen, die ich in den letzten Jahren zur Masematte sammeln durfte, eine Parallele, denn auch bei der Masematte waren Gefühle wie Ausgegrenztheit oder sich nicht zu Hause fühlen gepaart mit der Verbundenheit mit anderen von Einsamkeit betroffenen Menschen der Anlass, eine eigene Ge-heim-weh-Sprache zu entwickeln.  

Kleiner Exkurs an dieser Stelle, der diesen Sachverhalt aus anderer Perspektive beleuchtet: Kennen Sie das Phänomen von Zwillingssprachen auch Kryptophasie genannt? Spektakulär war der Fall der Zwillinge Grace und Virginia oder Poto und Cabengo, wie sie sich selbst nannten. Sie wuchsen in den 70er Jahren in den USA auf. Mit sechs Jahren konnten sie immer noch kein Englisch, sondern unterhielten sich in einer unbekannten, scheinbar komplizierten Sprache, die sonst niemand verstehen konnte. Die Eltern suchten Hilfe und ihre Entdeckung verursachte eine weltweite Mediensensation. Die vermeintlichen Sprachgenies wurden untersucht und am Ende stellte sich heraus, dass es sich um zwei sehr isolierte Kinder, denen es an geistiger Stimulation und sozialen Kontakten fehlte, handelte. Ihre erfundene Sprache, ein Mischmasch aus falsch ausgesprochenem Englisch und ein paar Brocken Deutsch von der Oma, füllte eine innere Leere. Das ist der springende Punkt! Könnte es unseren  ersten Masemattesprecher:innen in Münsters engen, schmutzigen Vierteln und gleichermaßen den Tiödden auf ihren einsamen Wanderungen nicht emotional ähnlich ergangen sein? Eine spannende Frage, wie ich finde, die ein neues Licht auf die Geheimsprachentheorien wirft.

Zurück zu den Tiödden. Wie kam es zum Tiödden-Wesen und der Entwicklung ihrer Krämer- beziehungsweise Handelssprache, die angeblich bis heute auf den Führungsetagen bei C&A noch Verwendung findet?  

Arme Bauernfamilien lebten im 17. Jahrhundert auf Höfen mit kargen Böden drumherum, die nicht viel hergaben. Sie wohnten zwischen Hopsten im nördlichen Münsterland und Lingen im Emsland. Die Männer verließen aus finanzieller Not heraus ihre Familien und gingen nach Holland, um als Saisonarbeiter Torf zu stechen oder Gras zu mähen und kamen erst nach einigen Monaten zurück. Zuhause wurde von den Frauen die Feldarbeit übernommen und Flachs angebaut, aus dem dann Leinenstoffe durch Spinnen und Weben produziert wurden. Andere Landbewohner begannen direkt als Hausierer und Wanderhändler zu arbeiten und verkauften vor allem Leinenstoffe aus dem Münsterland nach Holland. Dort im reichen Holland fanden die Textilien aufgrund der guten Qualität reißenden Absatz. So entstand das Tiödden-Wesen. Für die Bezeichnung Tiödden finden sich verschiedene Schreibweisen, so auch Tüötten, oder Tödden oder Tijötten. Um die Verwirrung perfekt zu machen, ist auch die Herkunft unklar. Es kann sich um die Bezeichnung für Deutsche, der Teutonen, aus holländischer Sicht handeln, aber auch um das niederdeutsche Wort Todde für das Bündel, oder eben auch das Toddeln, einer Bezeichnung für schleppendes Gehen. Alles drei passt, vermutlich ist es eine  Mischung aus allen Bedeutungen.

 

Mit Rucksäcken auf dem Rücken, der vollgepackt mit Leinen war, einem Wanderstock in der Hand, der als Maßband fungierte und einer Schere an einem Band um den Hals gebunden, marschierten die Männer durchs Münsterland über die holländische Grenze und verkauften dort ihre Waren als Hausierer. Nach und nach breitete sich das Tiödden-Wesen bis Litauen und ins nördliche Frankreich aus. Diverse Probleme mit Grenzen, Zöllen und Währungen brachten es mit sich, dass die Sprache der Tiödden vorteilhaft war, um Dinge zu verdunkeln. Hinzu kam, dass man sich vor Räubern und Dieben schützen musste und nebenbei auch seine finanziellen Erfolge nicht nach außen zeigen wollte.

Aus dem Tiödden-Wesen entstanden im neunzehnten Jahrhundert große Firmen, wie Hettlage, Broeker, C&A und auch P&C, deren Clan-Mitglieder alle streng katholisch waren und, wie es sich für Sippen gehört, nur untereinander heirateten. Seine Hochphase hatte das Humpisch im 18. Jahrhundert. Dann ging der Wanderhandel in den stationären Handel über. Clemens und August Brenninkmeyer (die Ur-ur-großväter vom „langen Franz“), die Hettlages, Voss‘ und Lampes gründeten ihre ersten Geschäfte und wurden bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu den global Playern der Bekleidungsindustrie.

In Mettingen, dem Ort an dem im siebzehnten Jahrhundert alles begann, befindet sich das Museum Draiflessen-Collection, das 2009 von den Nachkommen der Tiödden gegründet und gebaut wurde. Hier findet man wechselnde Ausstellungen, aber auch Archive und Sammlungen. Aktuell ist dort die spannende Ausstellung: Cunda, Knös und Knaspelhutsche. Auf der Suche nach dem Unternehmenswortschatz noch bis zum 4.Mai 2025 zu sehen. Hier wird auch auf die Weiterentwicklung der Geheimsprache in der Unternehmensführung von C&A eingegangen ( www.draiflessen.com ). Draiflessen  ist eine Zusammensetzung aus zwei Wörtern aus dem Humpisch: Drai hat die Bedeutung: drei, Dreifaltigkeit, drehen, Handel treiben und „flessen“ Flachs, Leinen und Heimat. Die Erklärung, hier kämen für die Gründerfamilie bedeutsame Themen zum Ausdruck: ihre enge Verbindung mit ihren westfälischen Ursprüngen, ihr christlicher Glaube und ihr Unternehmer*innentum, bringt mich tatsächlich zum Schmunzeln, oder schmergeln, wie die masemattekundigen Münsteraner:innen sagen würden.

Wer jetzt gerne mehr wissen möchte und Zeit hat, sich reinzulesen, hier meine Quellen:

 

Oberpenning, Hannelore: Migration und Fernhandel im „Tödden-System“. Wanderhändler aus dem nördlichen Münsterland im mittleren und nördlichen Europa. Rasch-Verlag, Osnabrück, 1996

Siewert, Klaus: Die geheime Sprache der Tiötten. Geheimsprachen-Verlag, Münster 2010

Veltrup, Josef: Die Geheimsprache der westfälischen Tiötten. Aschendorff-Verlag, 1974

Weiguny, Bettina: Die geheimnisvollen Herren von C&A. Der Aufstieg der Brenninkmeyers. Piper, München, 2007

 

Marion Lohoff-Börger, im März 2025

 

 

 















was mal war ...

Yiddish Bookcenter, Amherst USA

Mein Masemattebuch wird in die Sammlung des Yiddish Bookcenter in Amhurst MSS in den USA aufgenommen.

Sophia Shoulsen (li), Yiddish Bookcenter Amhurst USA


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