Masematte als Immaterielles Kulturerbe

 

Bewerbung Masematte als immaterielles Kulturerbe der UNESCO

 

 

 

1.    Worin besteht der Sinn einer solchen Bewerbung?

 

1.1.        Der Sinn, die Masematte als immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen, besteht darin, sie zu bewahren, zu pflegen und zu schützen. Die Masematte könnte mit ihren aktuellen Sprecher*innen, die einen umfangreicheren Wortschatz als die Allgemeinheit benutzen, aussterben.

 

1.2.        Die Kulturform Masematte sollte der Erinnerungskultur dienen, weil ihre ursprünglichen Sprecher*innen zum Großteil dem Holocaust zum Opfer gefallen sind und drei der vier Sprecher*innenviertel im zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut wurden.

 

1.3.        Die Beschäftigung mit der gelebten Kulturform Masematte wirkt somit Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit entgegen und macht sensibel für die Macht der Sprache (Abgrenzung und Identität), also der Problematik der Integration von Migrant*innen.

 

1.4.        Der Sinn besteht auch darin, Konzepte für die Zukunft zu entwickeln, wie die Münsteraner*innen mit ihrer Kulturform Masematte umgehen wollen, sowohl didaktisch bei der Weitervermittlung an die jüngere Generation als auch als Subkultur, die im Verborgenen weitergelebt und von einzelnen Sprecher*innen eine identitätsstiftende Funktion hat.

 

1.5.        Die Kulturform Masematte sollte allen Münsteraner*innen zugänglich sein und nicht durch „Besitzansprüche“ oder „Exklusivität“ weiter dem Untergang geweiht sein.

 

1.6.        Daraus ergibt sich, dass die Masematte nicht als reine Spaß- und Karnevalssprache angesehen werden, genauso wenig ausschließlich kommerziellen Zwecken dienen, wie auch nicht zu einer Kunstform intellektueller sprachinteressierter Akademiker verkümmern darf.

 

 

 

2.    Was ist Masematte genau?

 

2.1.        Genaugenommen ist die Masematte eine Sondersprache oder ein Rotwelsch-Dialekt, die immer rein mündlich weitergegeben wurde. Das geläufige Wort Geheimsprache wird von Wissenschaftlern ungern genutzt, weil ihre Sprecher*innen dadurch von außen kriminalisiert werden.

 

2.2.        Die Masematte hat vier Quellsprachen: das Rotwelsche (20 %), das Jiddische (50 %), das Romanes (20 %) und das Niederdeutsche (10 %). Hinzu kommen viele Slawismen, Romanismen und Anglizismen. Die Masematte hat, wie ihre große Schwester, das Jiddische, Sprachwitz und war in ihrer ursprünglichen Form einer Lebensweise und Weltsicht der „kleinen Leute“ zugehörig.

 

2.3.        Die Masematte entstand am Ende des 19. Jahrhunderts in Münster, als Fahrende, Hausierer, mobile Händler, Handwerker, Arbeiter, Tagelöhner etc. sich in Münster niederließen, um teils freiwillig, teils unfreiwillig (neue Gesetze) sesshaft zu werden.

 

2.4.        Im Nationalsozialismus verlor Münster mit der Ermordung der Kulturträger*innen und der Zerstörung der Sprecher*innenviertel die Masematte in ihrer ursprünglichen Form. Nur ein Viertel im Osten Münsters blieb erhalten. Das wird bis heute „Klein-Muffi“ genannt und ist ein Viertel in Münster zwischen Herz-Jesu-Kirche und dem Kanal. Die Menschen aus „Klein-Muffi“ bevorzugen statt der Diskriminierung, sie würden riechen („muffen“), das jiddische Wort „Mochum“, das Stadt oder Dorf bedeutet.

 

2.5.        In den fünfziger Jahren lebte die Masematte auf dem Bau beim Wiederaufbau als „Speismakeimersprache“ (Maurersprache) wieder auf.

 

2.6.        Mit der beginnenden kritischen Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit und im Geist der 68er, nutzten viele Jugendliche und Studierende die Masematte als Jugend- oder Studentensprache, die das Aufmüpfige und Anarchische dieser Zeit widerspiegelte. Man gefiel sich, die fremd klingenden Wörter zu benutzen, die Ähnlichkeiten zum Jiddischen aufwiesen.

 

2.7.        Erforscht wurde die Masematte zum ersten Mal Anfang der achtziger Jahre in einer Staatsarbeit der beiden Lehramtstudierenden Margret Strunge (heute Topp) und Karl Kassenbrock. Sie befragten viele Sprecher*innen, gingen in die Archive und erforschten viele Begriffe etymologisch und verschriftlichten sie zum ersten Mal. Sie gaben ihre überaus ergiebige und detailreiche Arbeit im Selbstverlag als Buch heraus, von dem es noch ein Exemplar in der Stadtbücherei Münster gibt.

 

2.8.        Später erforschte Prof. Klaus Siewert in einem größeren Projekt die Masematte als Forschungsarbeit des germanistischen Instituts Münster und brachte neben Textbüchern das Wörterbuch der Masematte in seinem Geheimsprachenverlag Münster heraus.

 

2.9.        Die Masematte wurde häufig zu Karneval in der Bütt wie auch in Zeitschriften und Zeitungen bei Kolumnen, zu Zwecken der satirischen Auseinandersetzungen mit münsterschen Themen genutzt.

 

2.10.     Wolfgang Schemann, ehemaliger Chefredakteur der WN, brachte mehrere Textbücher heraus und seit 2018 beschäftigt sich Marion Lohoff-Börger mit der Masematte und versucht sowohl die soziokulturellen Wurzeln wie auch die aktuellen Erscheinungen der Kulturform zu erfassen und darüber hinaus didaktische Entwürfe zu entwickeln, die sie in Lesungen mit kleinen und großen Menschen umsetzt.

 

 

 

Aktuell findet man die Masematte mit etwa 4 bis maximal 200 Wörtern im aktiven Wortschatz der Münsteraner*innen. Fast allen ist beispielsweise ein Wort wie „Leeze“ für Fahrrad geläufig, aber die Herkunft ist unbekannt.

 

 

 

3.    Wie geht eine Anerkennung als immaterielles Kulturerbe vonstatten?

 

 

 

https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-sein

 

 

 

Alle Informationen, insbesondere Kriterien wie auch das Procedere und der Fragebogen befinden sich auf dieser Homepage.

 

 

 

Im Groben durchläuft die Bewerbung verschiedene Phasen.

 

-      Den Antrag kann eine Privatperson oder ein Verein stellen.

 

-      Der Antrag muss ausgefüllt werden, wobei viele Aspekte der Erscheinungsform, wie auch der Gefahren und Bedeutung einer Antragstellung berücksichtig werden müssen. Darüber hinaus muss nachgewiesen werden, wie Kulturträger*innen, also die Masemattesprecher*innen eingebunden sind.

 

-      Es müssen zwei Gutachten von unabhängigen Sachverständigen beigefügt werden.

 

-      Es sollten, wenn möglich, Video- und Audioaufnahmen beigefügt werden.

 

-      Es müssen sich Institutionen und Vereine bereit erklären, die Kulturform in Zukunft zu pflegen, um sie lebendig zu erhalten.  In Münster sind das bisher der Stadtheimatbund, das Freilichtmuseum Mühlenhof, die Volkshochschule und Münster4life. Es werden noch weitere Unterstützer*innen gesucht.

 

-      Alle Träger*innen der Kulturform Masematte, (also fast alle Münsteraner*innen, die zumindest das Wort „Leeze“ kennen!!!), sollten am Prozess der Antragstellung teilnehmen, weil schon allein die Beschäftigung mit der Kulturform zu einer Bewusstwerdung, Weitergabe und Bewahrung führt.

 

 

 

4.    Der Haken

 

Es werden grundsätzlich keine Sprachen als Kulturerbe anerkannt, deswegen muss die Masematte als KULTURFORM wahrgenommen und dargestellt werden.

 

Kulturformen sind beispielsweise Tänze oder wiederkehrende Rituale. Da die Masematte eine situationsgebundene und personengruppenabhängige Sondersprache ist, die nie verschriftlicht wurde, keine Grammatik und keine Rechtschreibung besitzt, dafür aber einen ungemeinen Sprachwitz und eine Lebenseinstellung inne hat, kann man sie auf jeden Fall (!!!!) als Kulturform sehen.

 

 

 

 

 

5.    Wer ist aktiv? Wo laufen die Fäden zusammen?

 

Die Antragstellerin ist Marion Lohoff-Börger, freie Autorin und Kulturmittlerin aus Münster. Sie kümmert sich als Privatperson um diese Bewerbung. Sie schrieb Anfang 2021 einen offenen Brief an verschiedene Ämter und Stellen der Stadt, mit dem Ziel gemeinsam, die Masematte als ein lebendiges Sprachdenkmal zu bewahren. Dabei entstand in Zusammenarbeit mit Frau Dr. Ringbeck von der VHS, die Idee, die Masematte als immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen. Die Antragstellung geht nur alle zwei Jahre und muss bis Ende November 2021 erfolgen. Die Bewerbung wird durch verschiedene Gremien laufen: Landesebene NRW, Bundesebene Kultusministerkonferenz und am Ende nach Paris zur UNESCO und dann wird vielleicht die Masematte als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt (was sie mehr als verdient hat, ist ja klar).

 

 

 

Wer mit der Antragstellerin Kontakt aufnehmen möchte, mache das bitte über:

 

marion@lohoff-boerger.de

 

mehr über sie und ihre Arbeit: www.schreibmaschinenlyrik.de

 

 

 

 

 

 

 



Yiddish Bookcenter, Amhurst

Mein Masemattebuch wird in die Sammlung des Yiddish Bookcenter in Amhurst MSS in den USA aufgenommen.

Sophia Shoulsen (li), Yiddish Bookcenter Amhurst USA